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#Post#: 117--------------------------------------------------
Thema "Nahrungsmittelspekulation"
DIR By: SilkeGiesinger
Date: November 28, 2012, 1:37 pm
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HTML http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/weltzeit/1933757/
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Die Spekulation mit Lebensmitteln in der Sahelzone
Von Bettina Rühl
In der Sahelzone sterben jedes Jahr mehr als 200.000 Kinder an
den Folgen von Unterernährung. In Niger war die Lage in den
vergangenen Monaten besonders dramatisch. Aber die
internationale Gemeinschaft half. Auf den Märkten wurde genug
Importware für alle angeboten. Allerdings führt nicht nur die
Dürre zur Knappheit, Spekulanten halten die Lebensmittelpreise
künstlich hoch.
Ein zentraler Kreisverkehr in Niamey, der Hauptstadt des Niger.
Am Straßenrand haben Händler ihre Stände aufgebaut, sie
verkaufen Obst, Telefonkarten, Elektroartikel. Manche betreiben
auch einfache Restaurants, dort bieten sie sie gebutterte
Baguette-Stücke und Beuteltee mit Milch an.
Das Brot, aber auch andere Lebensmittel sind deutlich teurer,
als in anderen Jahren. Ein Grund dafür ist die Verknappung des
Angebots nach einer langen Dürrezeit. Aber das erklärt den
Preisanstieg nicht allein. Analysten nehmen an, dass
Spekulationen lokaler Händler die Lebensmittel zusätzlich
verteuern.
Etwas entfernt von den Restaurants und Verkaufsständen sitzt ein
Mann unter einem Baum auf einer Bank.
Er heiße Isaka Jigo, erzählt er, und wohne in einem Dorf, fast
550 Kilometer von Niamey entfernt. Er sei mit seiner kleinen
Tochter in die Hauptstadt gekommen, denn der Säugling müsse ins
Krankenhaus. Das kleine Mädchen sei stark unterernährt, weil
seine Frau keine Milch habe.
Die Reise kostet den Vater ein Vermögen, obwohl er in Niamey bei
Verwandten wohnen kann. Noch vor einigen Wochen hätte er sich
die Fahrt nicht leisten können. Zu der Zeit hatte er kaum genug
Geld, um auch nur die Lebensmittel für seine Familie bezahlen zu
können. Denn Hirse und das Getreide Sorghum waren mehr als
doppelt so teuer, wie normalerweise.
""Das Maß kostete 450 afrikanische Francs. Normalerweise liegt
der Preis bei 250 oder 200 Francs."
Aber die Zeiten seien eben nicht normal, erzählt der
Familienvater. Immerhin sei der Getreidepreis inzwischen etwas
gefallen.
"Wenn der Preis ganz hoch ist, können wir auf dem Land uns nur
einmal in der Woche eine richtige Mahlzeit leisten, an den
anderen Tagen essen wir Hirsesuppe. Dabei geht es mir im
Vergleich zu anderen gut. Ich habe außer meinem Feld noch eine
Getreidemühle und verdiene dadurch etwas Geld. Deshalb kann ich
meiner Familie zwei richtige Mahlzeiten in der Woche bezahlen,
das heißt ein richtiges Essen mit Mais oder Reis. "
Kurz vor der nächsten Ernte ist in jedem Jahr das Leben im
Sahelstaat Niger hart. Die Vorräte vom Vorjahr sind
aufgebraucht. Selbst die Bauern sind darauf angewiesen, Getreide
als Nahrungsmittel zu kaufen. In diesem, vor allem aber im
vergangenen Jahr war es besonders schlimm, sagt der
Premierminister des Niger, Brigi Rafini:
"2011 war die Ernte war ausgesprochen schlecht, wir hatten ein
großes Defizit an Getreide von fast 700.000 Tonnen. "
Der Grund für die geringe Ernte: viel zu wenig Regen. Dazu kam,
dass die Menschen keinerlei Reserven mehr hatten, weil auch die
Vorjahre im Sahel zu trocken waren.
Nach Hinweisen auf eine drohende Hungerkrise reagierten die
Internationalen Geldgeber und überwiesen mehrere Hundert
Millionen Dollar Hilfsgelder.
"Die Regierung hat ebenfalls frühzeitig Maßnahmen ergriffen und
ein Notprogramm mit vier Komponenten umgesetzt. Erstens haben
wir versucht, die Bewässerungslandwirtschaft auszubauen, um das
Ausbleiben des Regens zumindest teilweise auszugleichen.
Außerdem haben wir den Bauern geholfen, vergünstig Zusatzfutter
für ihre Tiere zu kaufen, und wir haben mehrere Programme mit
einkommensschaffenden Maßnahmen gefördert. "
Agadez, Nordniger, im Frühherbst 2012. Die Gefahr, dass im Niger
Tausende Menschen durch Mangel und Unterernährung sterben, ist
nach wie vor nicht gebannt. Noch ist die Ernte nicht
eingefahren, viele Menschen haben weder Geld noch Vorräte.
An diesem Nachmittag sitzen ein paar dutzend Männer, Frauen und
Kinder im Sand und verfolgen gebannt einen Sketch. Über das, was
die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler aufführen, brechen
sie immer wieder in lautes Gelächter aus. Besonders lustig
finden sie den als Frau verkleideten Mann, der eine nigrische
Konsumentin spielt. Mit dem schwarzen Lockenkopf und dem
femininen Verhalten ist die Verkleidung schon ziemlich gelungen,
aber die kantigen Wangenknochen über den auf füllig geschminkten
Lippen verraten das wahre Geschlecht.
"Der Sketch soll zeigen, welche Lebensmittel man am besten
kauft, um Mangelernährung zu vermeiden."
Ahmed Mohamed arbeitet für die Hilfsorganisation "Africare". Er
und seine Kollegen verteilen für das Welternährungsprogramm
Bargeld an diejenigen, die sich die teuren Lebensmittel nicht
mehr leisten können.
"Es geht in diesem Sketch um Mangelernährung. Denn es ist nicht
selbstverständlich, dass die Frauen das Geld, das sie bekommen
auch für das Richtige ausgeben. Da wird im Sketch eine Frau
gezeigt, die für ihre Kinder ausschließlich Getreide kauft - und
dann erzählt, dass eins ihrer Kinder mangelernährt sei."
Im Spiel wird auch ein Händler gezeigt, der seine Ware vor sich
ausgebreitet hat, Tomaten, Zwiebeln, Auberginen, Orangen. Mais
und Hirse.
Mitten im Mangel und während die Warnung vor einer Hungersnot
auf Hochtouren läuft, sind die Märkte offenbar voll.
"Ja, das stimmt. Das alles gibt es hier auf dem Markt zu
kaufen."
Zum Teil folgt der Preisanstieg der Logik der Märkte: Durch die
schlechte Ernte sind viele Waren knapp. Das Defizit konnte aber
durch Importe zum Teil ausgeglichen werden. Importiertes
Getreide ist teurer, als die Hirse oder das Sorghum vom Bauern
nebenan - soweit ist der Preisanstieg nachvollziehbar. Doch die
Lebensmittel auf den Märkten sind in diesem Jahr teurer als in
vergleichbaren Jahren zuvor: Spekulation hat die Preise
zusätzlich nach oben getrieben.
Die Ärmsten der Armen bekommen deshalb für eine begrenzte Zeit
einen Zuschuss zur Haushaltskasse.
Die Bedürftigen wurden von der Dorfgemeinschaft oder den
Bewohner des entsprechenden Viertels von Agadez ausgesucht.
Verteilt wird die Hilfe von lokalen Organisationen,
bereitgestellt wurde sie vom Welternährungsprogramm.
In einem Raum neben dem improvisierten Theaterplatz warten
diejenigen, die heute ihren Zuschuss bekommen, geduldig, bis sie
an der Reihe sind. Dann nennen sie ihren Namen, bestätigen mit
einem Abdruck ihres Daumens, dass sie das Geld empfangen haben:
pro Haushalt und Monat umgerechnet rund 50 Euro.
"Bis sie anfingen, uns mit dem Bargeld zu helfen, war unsere
Lage sehr schwierig.
Jetzt geht es uns etwas besser, wir können uns genug zu essen
kaufen. Ich hoffe, dass wir in Zukunft noch mehr Unterstützung
kriegen."
Früher, erzählt die 50-jährige Malou Ahmed, hatte ihre Familie
Vieh, Ziegen und Schafe vor allem.
"Jetzt gibt es keine Weiden mehr. Und die Tiere haben wir nach
und nach alle aufgegessen."
Aber der gemeinsame Kraftakt der nigrischen Regierung,
internationaler Hilfsorganisationen und vieler Geldgeber hat
sich gelohnt: Die befürchtete Hungerkrise mit tausenden Toten
blieb aus.
Auch der Bauer Isaka Jigo, der nun in Niamey darauf wartet, dass
seine kleine Tochter aus dem Krankenhaus entlassen werden kann,
schöpft Hoffnung. Vielleicht hat seine Frau mit der besseren
Ernährungslage bald so viel Milch, dass sie das Neugeborene
stillen kann.
"Wir haben jetzt mit der Ernte angefangen. Dieses Jahr scheint
gut zu werden. Ich habe meine Hirse und die Erdnüsse geerntet.
Das Sorghum kommt etwas später."
Die Ernteprognosen der Regierung sind ebenfalls optimistisch. In
manchen Regionen des Niger wird sogar ein Überschuss erwartet.
Trotzdem sieht der Bauer Isaka Jigo bei sich im Dorf schon
Anzeichen der nächsten Krise.
"Einige reiche Spekulanten sind wieder unterwegs und kaufen
jetzt, wenn die Preise niedrig sind. Einige haben die neue Ernte
schon gekauft, bevor sie überhaupt eingebracht wurde. Sie zahlen
dem Bauern für das Maß nur 200 Francs."
Das heißt: Aus lauter Not haben die Bauern ihre Ernte versetzt,
als ihre letzten Vorräte aufgebraucht waren. Weil sie nirgendwo
anders einen Kredit kriegen konnten, haben sie die Dumpingpreise
der Händler akzeptiert. Wenn sie dann die Ente einbringen
können, haben manche schon alles verkauft. Dann müssen sie
wieder, obwohl sie selbst Getreide anbauen, sich teurere
Lebensmittel auf dem Markt kaufen.
Isaka Jigo ist etwas unabhängiger.
"Ich habe ja noch die Mühle und bin nicht nur auf den Ertrag
meiner Felder angewiesen. Deshalb muss ich meine Hirse nicht
versetzen."
Moussa Tschangira ist zwar ebenfalls dankbar, dass in diesem
Jahr das Schlimmste abgewendet werden konnte. Aber auch er sieht
noch kein Ende der Nahrungsmittelkrise im Niger. Tschangira
arbeitet für den Dachverband mehrerer nigrischer Organisationen,
die für das Recht auf Nahrung kämpfen.
"Die Preise für einige Lebensmittel fallen, aber nicht besonders
stark."
Auf jeden Fall längst nicht so stark, wie in früheren Jahren.
Sein hartes Urteil mag erstaunen, immerhin ist der 100-Kilo-Sack
Hirse nur noch halb so teuer, wie vor Beginn der Ernte. Für ihn
ist die Ursache für die hohen Preise eindeutig: Spekulation.
"Sobald die Ernte richtig losgeht, füllen die Händler ihre
Lager. Sie kaufen die 100 Kilo von den Bauern für 7000 oder 8000
Francs, im besten Fall zahlen sie vielleicht 9000. Dann legen
sie das Getreide zurück, bis der Mangel groß und die Preise
richtig hoch sind. Und verkaufen dann für 30.000 Francs oder
mehr."
Auch andere Analysten bestätigen, dass die Nahungspreise weniger
stark als erwartet fallen. Immer wieder wird in Berichten über
die Spekulation mit dem Hunger diskutiert, ob und inwieweit der
internationale Handel mit Lebensmitteln an der Börse für den
drastischen Preisanstieg in afrikanischen Ländern verantwortlich
ist. Für das Welternährungsprogramm beobachtet Moise ( ) Balla
das Marktgeschehen im Niger.
"Die Entwicklung der Preise auf dem internationalen Markt hat
auf die Lebensmittelpreise im Niger durchaus Einfluss. Wenn Reis
international teurer wird, steigen die Preise im Niger sehr
wahrscheinlich schon kurzfristig. Aber bei Mais zum Beispiel ist
das anders. Wenn in der Region viel Mais produziert wird, wenn
also Benin, Ghana, Nigeria und andere Länder Überschüsse
verkaufen können, dann gehen die zuerst mal ins Nachbarland
Niger. Niger ist damit kurzfristig nicht den Preisschwankungen
auf den internationalen Märkten ausgeliefert. Langfristig hat
das Geschehen auf dem internationalen Markt aber trotzdem einen
Einfluss."
Am geringsten sei der glücklicher Weise bei den
Grundnahrungsmitteln der Landbevölkerung: Sorghum und Hirse
werden in der Region produziert und in den Industrienationen
kaum gegessen. Sie werden also eher regional gehandelt. Größer
ist der Einfluss bei Reis und Weizen, Produkten, die auch
international gefragt sind und in Niger eher von der städtischen
Mittelschicht konsumiert werden.
"Und das sind Lebensmittel, die man leicht durch andere Produkte
ersetzen kann. Wenn der Preis für Weizen stark steigt, werden
die ärmeren Menschen aufhören, Weißbrot zu essen und stattdessen
auf andere Lebensmittel zurückgreifen."
Die Spekulationen der lokalen Händler sind also für die
nigrische Landbevölkerung schlimmer, als die Handel auf dem
internationalen Markt. Und gerade dagegen könnte die Regierung
viel leichter etwas unternehmen, meint Moussa Tschangira:
"Der Staat nimmt keinen Einfluss auf den Lebensmittelmarkt. Er
garantiert weder den Produzenten faire Preise, noch schützt er
die Verbraucher davor, dass die Produkte durch Spekulation
völlig überteuert sind."
Der nigrische Premierminister Brigi Rafini weist diese Kritik
zurück.
"Wir konnten den Preisanstieg durch eine Reihe von Maßnahmen
dämpfen. Wir haben stellenweise subventioniertes Getreide zu
moderaten Preisen verkauft. Das hat eine völlig überzogene
Teuerung verhindert. Die Lage war schwierig, aber die
Katastrophe, die wir alle befürchtet haben, blieb aus."
Das ist für alle Beteiligten eine Leistung. Denn die Lage im
Sahel wird durch die politische Krise in der Region verschärft,
vor allem durch die im Nachbarland Mali. Von dort sind bereits
Hunderttausende in die Nachbarländer Niger und Burkina Faso
geflohen. Genug Lebensmittel für alle zu produzieren, bleibt
also selbst bei guten Ernten schwierig.
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