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#Post#: 59--------------------------------------------------
8min. Beitrag - Ihre Armut, unsere Hemden
DIR By: SilkeGiesinger
Date: October 14, 2012, 5:23 am
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HTML http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2012/0202/armut.php5
HTML http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2012/0202/armut.php5
Bericht: Gönke Harms, Shafagh Laghai, Andreas Maus
Monika Wagener: "Guten Abend, willkommen bei MONITOR. Eigentlich
weiß man es. Ein T-Shirt für 4,95 Euro kann nicht zu fairen
Löhnen produziert worden sein - auch nicht in der Dritten Welt.
Der ARD-Markencheck hat das in den letzten Wochen noch mal
eindrücklich gezeigt. Auch MONITOR hatte schon vor Jahren über
die Situation der Näherinnen in Bangladesch berichtet.
Erschreckend, wie wenig sich seither geändert hat. Trotz aller
Versprechen der Firmen. Deshalb ist endlich die Politik gefragt.
Und siehe da, unsere Recherchen haben ergeben: Die EU will
tatsächlich etwas tun. Nur einer steht offenbar ganz gewaltig
auf der Bremse. Die Spur führt nach Berlin."
Billig muss es sein, modisch und schick. Sie nähen modisch und
schick und sind dabei ganz billig. Die Jagd nach dem
Schnäppchen, wir alle tun es, obwohl wir wissen, dass es so
billig nicht sein kann. T-Shirts, Hosen für ein paar Euro. Sie
zahlen dafür. Es ist 6:00 Uhr morgens in einem Slum in Dhaka,
Bangladesch. Frauen machen sich fertig für die Arbeit. Alle hier
arbeiten in der Fabrik gleich neben dem Slum. Nazma ist 19, seit
zwei Jahren näht sie, auch für deutsche Unternehmen. Und es ist
wirklich schlimm, erzählt sie uns. Aus Angst ihren Job zu
verlieren, will sie unerkannt bleiben. Auf 6 qm lebt sie mit
ihren drei Schwestern und dem alten Vater.
Nazma (Übersetzung MONITOR): "Die Arbeit, die ich machen muss,
ist die Arbeit von zwei Leuten. Das ist nicht fair. Ich bekomme
nicht die Zeit, um auf die Toilette zu gehen. Ich kann auch
nicht mal kurz aufstehen, um mir die Beine zu vertreten.“
Bangladesch ist die Nähkammer der Welt. Konzerne wie H&M, KiK,
Lidl oder Aldi lassen hier produzieren. Denn nirgendwo sind
Arbeitskräfte billiger - 30,- Euro im Monat. Oft schuften Nazma
und die anderen bis zu 16 Stunden am Tag. Mit 30,- Euro im Monat
kann man auch hier kaum überleben. Gewerkschafter kämpfen
deshalb seit Jahren für einen fairen Lohn.
Amirul Haque Amin, Textilarbeiter Gewerkschaft Bangladesch
(Übersetzung MONITOR): "Wenn wir vom Existenzminimum reden, dann
müssten sie den Lohn verdoppeln. Also auf 6.000,- Thaka,
umgerechnet 60,- Euro. Mit weniger kann eine Familie doch gar
nicht leben."
60,- Euro Lohn. Was uns das kosten würde, hat er für uns
ausgerechnet. Prof. Herbert Loock weiß genau, wie Preise gemacht
werden.
Prof. Herbert Loock
Prof. Herbert Loock, Akademie für Mode und Design, Düsseldorf:
"Bei der Verdopplung der Löhne in Bangladesch würde sich der
Einkaufspreis eines T-Shirts ungefähr um 15 bis 20 Cent
erhöhen."
Gerade mal 15 Cent mehr würde ein einfaches T-Shirt in der
Produktion kosten. Eigentlich nicht viel. Der Wettbewerb sei
schuld, klagen die Konzerne. Und keiner will zuerst ausscheren
aus der Preisspirale nach unten. Und sie sind die Opfer. Nicht
nur der Lohn, auch die Arbeitsbedingungen sind oft mies.
Unbezahlte Überstunden, Strafen, wenn Stückzahlen nicht erreicht
werden, ja sogar Schläge. Sie würden regelmäßig kontrollieren,
werben Unternehmen hierzulande, doch bisher hat sich an den
menschunwürdigen Bedingungen nur wenig geändert. Gisela Burkhard
von der Kampagne für saubere Kleidung wundert das nicht,
schließlich müssen Unternehmen bei Verstößen keine Konsequenzen
fürchten.
Gisela Burkhard
Gisela Burkhard, Kampagnen für saubere Kleidung: "Wir haben halt
festgestellt, dass die freiwilligen Verhaltens-Kodizes der
Unternehmen nicht sehr viel weiter führen. Wir haben massive
Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen. Und deshalb ist es
notwendig, dass auch staatliche Rahmenbedingungen gesetzt
werden."
Zum Beispiel der Nachweis, dass die gesamte Lieferkette soziale
Standards erfüllt. Also keine Kinderarbeit, gerechte
Arbeitszeiten und fairer Lohn. Zurück zu uns. In Brüssel bei der
EU entsteht endlich auch ein Bewusstsein für das Problem. Die
Kommission will nicht länger allein auf freiwillige Kontrollen
setzen und die Unternehmen in die Pflicht nehmen. Im Oktober hat
sie deshalb eine neue Strategie vorgelegt. Darin kündigt sie an:
Zitat: "Eine Rechtsvorschrift über die Transparenz der sozialen
und ökologischen Informationen.“
Im Klartext: Unternehmen müssen ihre Produktions- und
Lieferketten offenlegen. Dazu beabsichtigt die Kommission:
Zitat: "zu überprüfen, ob Unternehmen den von ihnen
eingegangenen Verpflichtungen nachgekommen sind."
Doch ausgerechnet die Bundesregierung lehnt die EU-Initiative
rigoros ab. Richard Howitt ist Berichterstatter des
EU-Parlamentes für die soziale Verantwortung von Unternehmen.
Wie bewertet er die Ablehnung der Deutschen?
Richard Howitt
Richard Howitt, EU-Parlament Berichterstatter für soziale
Standards (Übersetzung MONITOR): "Ich bin sehr enttäuscht über
die deutsche Haltung. Kaum war die neue Strategie
veröffentlicht, kam die Ablehnung. Vor allem gegen unsere
zentralen Vorschläge zur Modernisierung und Veränderung der
Standards unternehmerischer Verantwortung."
Zuständig für die soziale Verantwortung von Unternehmen ist
Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Wir fragen nach.
Reporterin: "Warum blockieren Sie und Ihr Ministerium denn die
neu hier EU-Strategie, die eben nicht nur auf Freiwilligkeit
basieren soll?"
Ursula von der Leyen
Ursula von der Leyen: "Ich finde, dass es ganz wichtig ist, die
soziale Verantwortung von Unternehmen zu diskutieren. Insofern
sind wir im Augenblick mit der EU-Kommission in Diskussionen
darüber, für welche Bereiche es Berichtspflichten geben soll
oder auch nicht. Die Diskussion ist noch offen."
Offen? In einem Schreiben an die EU Kommission, das MONITOR
vorliegt, spricht sich die Bundesregierung ausdrücklich
Zitat: "Gegen neue gesetzliche Berichtspflichten aus."
Und weiter unten heißt es unmissverständlich
Zitat: "Das Prinzip der Freiwilligkeit muss gewahrt bleiben."
Reporterin: "Aber in Ihrem Positionspapier haben sie sich doch
ganz stark gegen eine gesetzliche Berichtspflichten
ausgesprochen?"
Ursula von der Leyen: "Wir sind mit der EU-Kommission genau
darüber in Diskussion. Also ich sage Ihnen hier als Ministerin,
dass ich offen bin für den Dialog."
Offen für Dialog. Darüber würde sich Koos Richelle, General
Direktor der EU-Kommission sicher freuen. Denn bis jetzt haben
die Deutschen auf Freiwilligkeit gepocht.
Koos Richelle, Generaldirektor EU-Kommission (Übersetzung
MONITOR): "Allein auf Freiwilligkeit zu setzen, nach so vielen
Jahren, in denen das Thema schon auf der Agenda steht, das
bringt zu wenig und geht zu langsam. Für uns ist klar, was wir
wollen. Wenn nötig, gesetzliche Regelungen."
Richard Howitt, EU-Parlament Berichterstatter für soziale
Standards (Übersetzung MONITOR): "Deutschland ist weit zurück in
der internationalen Debatte. Ich würde mich freuen, wenn sie
konstruktiv mitarbeiten würden, anstatt zu blockieren."
Zurück zu Nazma und ihren Schwestern. Bevor sie gleich in die
Fabrik müssen, gibt es Reis mit Gemüse, eine von zwei Mahlzeiten
am Tag. Das muss reichen bis abends um zehn. Oft hat Nazma Kopf-
und Magenschmerzen, weil es zu wenig gibt. Aber sie kann sich
nicht erlauben in der Fabrik zu fehlen.
Nazma (Übersetzung MONITOR): "Ich leide sehr unter meiner
Situation und ich hoffe, dass meine Kinder es mal besser haben
und nicht das gleiche Leid durchmachen müssen."
Die Pläne aus Europa, vielleicht kann Nazma sich dann eine
Mahlzeit oder ein paar Quadratmeter mehr leisten.
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