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#Post#: 28--------------------------------------------------
Diskussion zum Thema "Fleisch essen" - Artikel aus
"Dem Standard"
DIR By: SilkeGiesinger
Date: September 24, 2012, 1:45 pm
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HTML http://derstandard.at/1348283713922/Fleischessen-Das-System-der-Ausbeutung-wird-perfektioniert
HTML http://derstandard.at/1348283713922/Fleischessen-Das-System-der-Ausbeutung-wird-perfektioniert
Fleischessen: "Das System der Ausbeutung wird perfektioniert"
24. September 2012, 05:30
Würde der Kreatur oder Recht auf Wurstteller: Beim Philosophicum
Lech drehte sich alles um unseren Umgang mit Tieren
Das 16. Philosophicum Lech stand heuer unter dem Thema "Tiere.
Der Mensch und seine Natur". Bei einer Podiumsdiskussion mit dem
Titel "Gebrauch der Tiere" trafen Tierethiker und
Tierrechtsaktivist Martin Balluch, Autorin Karin Duve
("Anständig essen"), der praktizierende Jäger Hubert Schatz und
Clemens Tönnies aufeinander. Letzterer ist Vorstand des
Unternehmens Tönnies-Fleischwerk, für das im Jahr 2007 mehr als
11 Millionen Schweine geschlachtet wurden. So unterschiedlich
die Positionen der Diskutanten waren, hatten sie doch eines
gemeinsam: Sie wurden mit Fleischessen sozialisiert.
Zu Beginn positionierten sich die Diskutanten, indem sie ihre
Beziehung zu Tieren schilderten: Für Karen Duve, die mit ihrem
Buch "Anständig essen" im Vorjahr die Massentierhaltung
anprangerte, sei es bereichernd, mit Tieren zusammen zu leben.
Das funktioniere so ähnlich wie Fernreisen: "Man merkt, dass die
eigene Kultur nicht maßgebend ist. In einigen Bereichen
funktioniert man anders - gleichzeitig gibt es aber viele
Schnittmengen."
Parallelen zwischen Menschen und Tieren
Hubert Schatz kann ebenfalls viele Parallelen zwischen dem
Verhalten von Menschen und Wildtieren feststellen, mit denen er
viel zu tun hat. Er formulierte es etwas wertekonservativer, was
im Publikum für Gelächter sorgte: "Ich denke an die
Mutter-Kind-Beziehungen - etwa die Hirschkuh mit dem Kalb. Das
erinnert mich an meine Ehefrau mit unserem Kind." Tiere hätten
sicher ein Bewusstsein und ein Gefühl, zeigte sich der Jäger
überzeugt.
Martin Balluch forderte daran anknüpfend, dass es deshalb
notwendig sei, den eigenen Standpunkt verlassen zu lernen. "Wir
sehen nur unsere eigene Perspektive", sagt er. Tiere hätten aber
ebenfalls Empfindungen und Wünsche und es gebe keine
Veranlassung, diese weniger ernst zu nehmen. Es gehöre eine
wesentliche intellektuelle Leistung dazu, etwas aus dem
Standpunkt anderer sehen zu können.
Haustier vs. Nutztier
An dieser Stelle meldete sich Clemens Tönnies zu Wort: "Wir
bringen dem Haustier eine ganz andere Achtung als einem Nutztier
entgegen." Der Chef einer Fleischverarbeitungsindustrie meinte,
dass es mehr Achtung für das Schwein, die Kuh und das Geflügel
braucht. "Wenn die Menschen Schweine wie Hunde ansehen würden,
könnten Sie Ihre Firma zusperren", entgegnete Balluch. Tönnies
hingegen appellierte mit seinem Argument an die Verantwortung
des Konsumenten: Wenn die Menschen kein Fleisch mehr essen
wollen, würde auch kein Tier mehr getötet.
Balluch fragte nach, wo Tönnies den prägnanten Unterschied
zwischen Hund und Schwein sehe. Den einen halte Tönnies als
Haustier, von der anderen Gattung töte seine Firma 11 Millionen
Tiere pro Jahr. Ein Schwein, so Tönnies, sei ein Nutztier, "mit
dem man ordentlich umgehen muss. Es wird gehalten, weil die
Gesellschaft es essen will." Wenn er seinen Hund zum Tierarzt
bringt, hätte er aber sogar einmal weinen müssen. Dieser
bekannte und in vielen Publikationen thematisierte Widerspruch
der menschlichen Unterscheidung zwischen Tier und Tier - das
eine wird geliebt, das andere gegessen - konnte auch im Laufe
des Gesprächs nicht aufgelöst werden.
Mitgefühl ist eine Entscheidung
Autorin Duve meinte, dass Mitgefühl etwas mit der Entscheidung
zu tun habe, es demgegenüber aufzubringen, der leidet. Oft habe
das nichts mit Rationalität zu tun. Vielmehr hänge es davon ab,
wie bewusst wir eine Situation wahr nehmen (wollen). Der Jäger
Hubert Schatz übernahm die Rolle des Fleischkonsumenten: Er sehe
sich selbst als praktischen Mensch. Daher habe er vielleicht
auch noch kein Buch geschrieben, scherzte er. Tiere seien für
ihn ganz klar Lebensgrundlage, nicht nur beim Essen, sondern
auch bei der Bekleidung: "Sie haben für uns einen Nutzen, daher
werden wir sie auch immer nutzen. Das finde ich ganz logisch."
Massentierhaltung sei für den passionierten Jäger aber nur
schwer zu verstehen: "Meine Einstellung ist es, allen Tieren so
viel Freiheit wie möglich zu geben." Nach der Nachfrage von
Balluch, ob Schatz nur freilaufende "Weideschweine" esse, wurde
die persönliche Ethik am Esstisch wieder in den Mittelpunkt der
Diskussion gerückt. Schatz konterte, dass er nicht genau wisse,
wo sein Fleisch am Teller herkomme, da seine Frau es einkaufe.
Die Rinderhaltung in Österreich sei zudem für ihn in Summe
vertretbar.
Definition von "Masse"
Fleischproduzent Tönnies wollte an dieser Stelle den Punkt
Massentierhaltung diskutieren. Es gehe nicht um die Menge oder
Masse der Tiere, die gehalten werde, sondern um das Tierwohl:
"Dem Landwirt darf nicht die ökonomische Grundlage entzogen
werden, indem wir wieder zu einer 'Put-put-put-Gesellschaft'
[Anmerkung: Ahmt Lockgeräusche für Hühner nach] zurückkehren."
Es müsse uns klar sein, sagte der Fleischverarbeiter, dass es
nach dem Zweiten Weltkrieg eine Veränderung der Haltungsform
gegeben habe. Man müsse dem Verbraucher die Wahrheit sagen. Nach
dieser großen Ankündigung versuchte Tönnies jedoch eher wieder
ein Werbebild der Fleischindustrie zu vermitteln: "Wir haben
familienorientierte Landwirtschaft." Und zudem gebe es diese
Agrarfabriken mit Massentierhaltung in Deutschland kaum, zeigte
er sich überzeugt.
Die Firma Tönnies habe allein in Westfahlen 24.000
landwirtschaftliche Zulieferer. Ein durchschnittlicher
Schweinehalter in Deutschland besitze 498 Tiere. Das sorgte im
Publikum für Geraune. "Wenn er weniger hat, könnte er nicht
davon leben. Ich glaube auch nicht, dass wir die Schraube
zurückdrehen können", verteidigte sich Tönnies.
"Außerhalb der Gesellschaft"
Karen Duve hat ein Jahr für ihr Buch recherchiert und sich
genauer angesehen, welche Art von Fleischproduktionsbetrieben es
gibt. Ihr Fazit: "Wir können davon ausgehen, dass für einen
Großteil des Fleisches im Supermarkt ein Tier gequält wurde."
Die Schriftstellerin räumt in Richtung Tönnies ein: "Sie haben
vielleicht ein ganz anderes Verständnis davon, was Tierquälerei
ist. Oder was ein Kleinbetrieb ist. Ein Betrieb mit 498
Schweinen ist für mich nicht kleinbäuerlich, sondern eine
Produktionsstätte. Da kann man nicht mehr von Bauernhof
sprechen."
In den 1950er Jahren waren Ernährungswissenschafter und
Lebensmittelexperten noch der Meinung, dass ein derart aufwändig
hergestelltes Lebensmittel wie Fleisch niemals ein Massenprodukt
werden könnte. "So billig, wie Fleisch bei uns angeboten wird,
geht nicht, ohne andere dafür zahlen zu lassen: Sei es die
Arbeiter, die Tiere oder die Umwelt", so Duve, deren Kritik
danach noch schärfer wurde: Innerhalb der Gesellschaft gebe es
keinen Konsens mehr, dass es rechtens ist, wie Tiere in der
Fleischindustrie gequält werden. "Sie stehen juristisch völlig
auf der richtigen Seite, aber moralisch stehen sie außerhalb
dieser Gesellschaft", sagte Duve, was ihr spontanen Applaus aus
dem Publikum brachte.
Profit auf Kosten der Tiere
Balluch wiederum kritisierte, dass in fast allen
Schlachtbetrieben auf folgendes verzichtet werde: den Schweinen
Stroh, eine Geburt außerhalb eines körpergroßen Käfigs (des
Kastenstands), Freilauf oder Sonnenlicht zu bieten - und dies
alles für die Profitmaximierung.
Balluch empfahl einen Blick in die Schweiz, wo Kastenstand und
Spaltböden bereits verboten sind. Österreich sei auch hier
"anders", bemerkte er lakonisch: Nach langer Kampagnenarbeit
wurde zwar ein Kastenstandverbot erreicht, das aber erst in 21
Jahren in Kraft treten wird. In Deutschland sei jedoch seiner
Erfahrung nach gar keine Bereitschaft da, den Kastenstand jemals
zu verbieten: "Das System der Ausbeutung wird hier noch
perfektioniert."
Sozialisierung und Bauchgefühl
Für alle Diskutanten sei es einmal normal gewesen, Fleisch zu
essen, holte Balluch danach aus. Diese Sozialisierung entwickle
sich zu einem tief sitzenden Bauchgefühl, das es unmöglich
mache, einen anderen Zugang zu Tieren zu finden. "Das Arguement
mit der Unterscheidung zwischen Hunden und Schweinen belegt, wie
wahnsinnig irrational wir sind", so Balluch: "Wir versuchen nur
unseren Prozess der Sozialisierung zu belegen, obwohl wir ganz
offensichtlich in einem extremen Widerspruch leben."
Clemens Tönnies reagierte auf diese Kritikpunkte mit einem
Bericht von seiner Sozialisierung. Er komme aus einer
Metzgerfamilie und habe von seinem Vater gelernt, ordentlich mit
Tieren umzugehen: "Ich habe mir aber nie die Grundsatzfrage
gestellt, ob das, was ich mache, moralisch in Ordnung ist. So
bin ich groß geworden." Und er zementierte seine Postition noch
deutlicher ein: "Ich esse unheimlich gerne Fleisch. Es gibt
nichts Schöneres als einen ordentlichen Wurstteller, in den ich
reinbeiße."
Konsumenten, denen "alles wurscht" ist
Martin Balluch appellierte im letzten Drittel der Diskussion
daran, von einem strikten Schwarz-Weiß-Denken wegzukommen, denn
es gebe nicht nur zwei Positionen: Auf der einen Seite die
Veganer und auf der anderen Seite die Konsumenten, denen "alles
wurscht" ist.
Der Tierrechtsaktivist hält nichts davon, die Verantwortung nur
allein an den Konsumenten abzuwälzen: "Es geht nicht um die
Bereinigung des eigenen Gewissens, sondern um eine Änderung der
Stellung des Tiers in der Gesellschaft. Das müssen wir in einem
gemeinsamen gesetzlichen Schritt machen." Er nannte dafür ein
Beispiel aus Österreich: "Vor dem Verbot von Legehennenbatterien
waren zwar 86 Prozent der Menschen dagegen, aber 80 Prozent
haben Eier aus dieser Produktion gekauft." Die Menschen seien
eben durch das System gezwungen worden, Produkte zu kaufen, die
sie eigentlich nicht wollten.
Ein Anfang wäre es etwa, in den Betrieben von Tönnies die
Haltungsbedingungen zu verbessern und den Tieren Stroheinstreu
zu vergönnen. Zudem sollten die Vollspaltböden verboten und ein
verpflichtender Auslauf sichergestellt werden. "Dann sind wir
aber immer noch bei Masse", konterte Tönnies. "Ja, aber es wäre
ein riesiger Fortschritt, den auch der Konsument will", meinte
Balluch und verwies darauf, dass in Österreich weniger als ein
Prozent der gesamten Fleischproduktion Biofleisch ist. (Julia
Schilly, derStandard.at, 24.9.2012)
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