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       Diskussion zum Thema  "Fleisch essen" - Artikel aus
       "Dem Standard"
   DIR By: SilkeGiesinger
       Date: September 24, 2012, 1:45 pm
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  HTML http://derstandard.at/1348283713922/Fleischessen-Das-System-der-Ausbeutung-wird-perfektioniert
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       Fleischessen: "Das System der Ausbeutung wird perfektioniert"
       24. September 2012, 05:30
       Würde der Kreatur oder Recht auf Wurstteller: Beim Philosophicum
       Lech drehte sich alles um unseren Umgang mit Tieren
       Das 16. Philosophicum Lech stand heuer unter dem Thema "Tiere.
       Der Mensch und seine Natur". Bei einer Podiumsdiskussion mit dem
       Titel "Gebrauch der Tiere" trafen Tierethiker und
       Tierrechtsaktivist Martin Balluch, Autorin Karin Duve
       ("Anständig essen"), der praktizierende Jäger Hubert Schatz und
       Clemens Tönnies  aufeinander. Letzterer ist Vorstand des
       Unternehmens Tönnies-Fleischwerk, für das im Jahr 2007 mehr als
       11 Millionen Schweine geschlachtet wurden. So unterschiedlich
       die Positionen der Diskutanten waren, hatten sie doch eines
       gemeinsam: Sie wurden mit Fleischessen sozialisiert.
       Zu Beginn positionierten sich die Diskutanten, indem sie ihre
       Beziehung zu Tieren schilderten: Für Karen Duve, die mit ihrem
       Buch "Anständig essen" im Vorjahr die Massentierhaltung
       anprangerte, sei es bereichernd, mit Tieren zusammen zu leben.
       Das funktioniere so ähnlich wie Fernreisen: "Man merkt, dass die
       eigene Kultur nicht maßgebend ist. In einigen Bereichen
       funktioniert man anders - gleichzeitig gibt es aber viele
       Schnittmengen."
       Parallelen zwischen Menschen und Tieren
       Hubert Schatz kann ebenfalls viele Parallelen zwischen dem
       Verhalten von Menschen und Wildtieren feststellen, mit denen er
       viel zu tun hat. Er formulierte es etwas wertekonservativer, was
       im Publikum für Gelächter sorgte: "Ich denke an die
       Mutter-Kind-Beziehungen - etwa die Hirschkuh mit dem Kalb. Das
       erinnert mich an meine Ehefrau mit unserem Kind." Tiere hätten
       sicher ein Bewusstsein und ein Gefühl, zeigte sich der Jäger
       überzeugt.
       Martin Balluch forderte daran anknüpfend, dass es deshalb
       notwendig sei, den eigenen Standpunkt verlassen zu lernen. "Wir
       sehen nur unsere eigene Perspektive", sagt er. Tiere hätten aber
       ebenfalls Empfindungen und Wünsche und es gebe keine
       Veranlassung, diese weniger ernst zu nehmen. Es gehöre eine
       wesentliche intellektuelle Leistung dazu, etwas aus dem
       Standpunkt anderer sehen zu können.
       Haustier vs. Nutztier
       An dieser Stelle meldete sich Clemens Tönnies zu Wort: "Wir
       bringen dem Haustier eine ganz andere Achtung als einem Nutztier
       entgegen." Der Chef einer Fleischverarbeitungsindustrie meinte,
       dass es mehr Achtung für das Schwein, die Kuh und das Geflügel
       braucht. "Wenn die Menschen Schweine wie Hunde ansehen würden,
       könnten Sie Ihre Firma zusperren", entgegnete Balluch. Tönnies
       hingegen appellierte mit seinem Argument an die Verantwortung
       des Konsumenten: Wenn die Menschen kein Fleisch mehr essen
       wollen, würde auch kein Tier mehr getötet.
       Balluch fragte nach, wo Tönnies den prägnanten Unterschied
       zwischen Hund und Schwein sehe. Den einen halte Tönnies als
       Haustier, von der anderen Gattung töte seine Firma 11 Millionen
       Tiere pro Jahr. Ein Schwein, so Tönnies, sei ein Nutztier, "mit
       dem man ordentlich umgehen muss. Es wird gehalten, weil die
       Gesellschaft es essen will." Wenn er seinen Hund zum Tierarzt
       bringt, hätte er aber sogar einmal weinen müssen. Dieser
       bekannte und in vielen Publikationen thematisierte Widerspruch
       der menschlichen Unterscheidung zwischen Tier und Tier - das
       eine wird geliebt, das andere gegessen - konnte auch im Laufe
       des Gesprächs nicht aufgelöst werden.
       Mitgefühl ist eine Entscheidung
       Autorin Duve meinte, dass Mitgefühl etwas mit der Entscheidung
       zu tun habe, es demgegenüber aufzubringen, der leidet. Oft habe
       das nichts mit Rationalität zu tun. Vielmehr hänge es davon ab,
       wie bewusst wir eine Situation wahr nehmen (wollen). Der Jäger
       Hubert Schatz übernahm die Rolle des Fleischkonsumenten: Er sehe
       sich selbst als praktischen Mensch. Daher habe er vielleicht
       auch noch kein Buch geschrieben, scherzte er. Tiere seien für
       ihn ganz klar Lebensgrundlage, nicht nur beim Essen, sondern
       auch bei der Bekleidung: "Sie haben für uns einen Nutzen, daher
       werden wir sie auch immer nutzen. Das finde ich ganz logisch."
       Massentierhaltung sei für den passionierten Jäger aber nur
       schwer zu verstehen: "Meine Einstellung ist es, allen Tieren so
       viel Freiheit wie möglich zu geben." Nach der Nachfrage von
       Balluch, ob Schatz nur freilaufende "Weideschweine" esse,  wurde
       die persönliche Ethik am Esstisch wieder in den Mittelpunkt der
       Diskussion gerückt. Schatz konterte, dass er nicht genau wisse,
       wo sein Fleisch am Teller herkomme, da seine Frau es einkaufe.
       Die Rinderhaltung in Österreich sei zudem für ihn in Summe
       vertretbar.
       Definition von "Masse"
       Fleischproduzent Tönnies wollte an dieser Stelle den Punkt
       Massentierhaltung diskutieren. Es gehe nicht um die Menge oder
       Masse der Tiere, die gehalten werde, sondern um das Tierwohl:
       "Dem Landwirt darf nicht die ökonomische Grundlage entzogen
       werden, indem wir wieder zu einer 'Put-put-put-Gesellschaft'
       [Anmerkung: Ahmt Lockgeräusche für Hühner nach] zurückkehren."
       Es müsse uns klar sein, sagte der Fleischverarbeiter, dass es
       nach dem Zweiten Weltkrieg eine Veränderung der Haltungsform
       gegeben habe. Man müsse dem Verbraucher die Wahrheit sagen. Nach
       dieser großen Ankündigung versuchte Tönnies jedoch eher wieder
       ein Werbebild der Fleischindustrie zu vermitteln: "Wir haben
       familienorientierte Landwirtschaft." Und zudem gebe es diese
       Agrarfabriken mit Massentierhaltung in Deutschland kaum, zeigte
       er sich überzeugt.
       Die Firma Tönnies habe allein in Westfahlen 24.000
       landwirtschaftliche Zulieferer. Ein durchschnittlicher
       Schweinehalter in Deutschland besitze 498 Tiere. Das sorgte im
       Publikum für Geraune. "Wenn er weniger hat, könnte er nicht
       davon leben. Ich glaube auch nicht, dass wir die Schraube
       zurückdrehen können", verteidigte sich Tönnies.
       "Außerhalb der Gesellschaft"
       Karen Duve hat ein Jahr für ihr Buch recherchiert und sich
       genauer angesehen, welche Art von Fleischproduktionsbetrieben es
       gibt. Ihr Fazit: "Wir können davon ausgehen, dass für einen
       Großteil des Fleisches im Supermarkt ein Tier gequält wurde."
       Die Schriftstellerin räumt in Richtung Tönnies ein: "Sie haben
       vielleicht ein ganz anderes Verständnis davon, was Tierquälerei
       ist. Oder was ein Kleinbetrieb ist. Ein Betrieb mit 498
       Schweinen ist für mich nicht kleinbäuerlich, sondern eine
       Produktionsstätte. Da kann man nicht mehr von Bauernhof
       sprechen."
       In den 1950er Jahren waren Ernährungswissenschafter und
       Lebensmittelexperten noch der Meinung, dass ein derart aufwändig
       hergestelltes Lebensmittel wie Fleisch niemals ein Massenprodukt
       werden könnte. "So billig, wie Fleisch bei uns angeboten wird,
       geht nicht, ohne andere dafür zahlen zu lassen: Sei es die
       Arbeiter, die Tiere oder die Umwelt", so Duve, deren Kritik
       danach noch schärfer wurde: Innerhalb der Gesellschaft gebe es
       keinen Konsens mehr, dass es rechtens ist, wie Tiere in der
       Fleischindustrie gequält werden. "Sie stehen juristisch völlig
       auf der richtigen Seite, aber moralisch stehen sie außerhalb
       dieser Gesellschaft", sagte Duve, was ihr spontanen Applaus aus
       dem Publikum brachte.
       Profit auf Kosten der Tiere
       Balluch wiederum kritisierte, dass in fast allen
       Schlachtbetrieben auf folgendes verzichtet werde: den Schweinen
       Stroh, eine Geburt außerhalb eines körpergroßen Käfigs (des
       Kastenstands), Freilauf oder Sonnenlicht zu bieten - und dies
       alles für die Profitmaximierung.
       Balluch empfahl einen Blick in die Schweiz, wo Kastenstand und
       Spaltböden bereits verboten sind. Österreich sei auch hier
       "anders", bemerkte er lakonisch: Nach langer Kampagnenarbeit
       wurde zwar ein Kastenstandverbot erreicht, das aber erst in 21
       Jahren in Kraft treten wird. In Deutschland sei jedoch seiner
       Erfahrung nach gar keine Bereitschaft da, den Kastenstand jemals
       zu verbieten: "Das System der Ausbeutung wird hier noch
       perfektioniert."
       Sozialisierung und Bauchgefühl
       Für alle Diskutanten sei es einmal normal gewesen, Fleisch zu
       essen, holte Balluch danach aus. Diese Sozialisierung entwickle
       sich zu einem tief sitzenden Bauchgefühl, das es unmöglich
       mache, einen anderen Zugang zu Tieren zu finden. "Das Arguement
       mit der Unterscheidung zwischen Hunden und Schweinen belegt, wie
       wahnsinnig irrational wir sind", so Balluch: "Wir versuchen nur
       unseren Prozess der Sozialisierung zu belegen, obwohl wir ganz
       offensichtlich in einem extremen Widerspruch leben."
       Clemens Tönnies reagierte auf diese Kritikpunkte mit einem
       Bericht von seiner Sozialisierung. Er komme aus einer
       Metzgerfamilie und habe von seinem Vater gelernt, ordentlich mit
       Tieren umzugehen: "Ich habe mir aber nie die Grundsatzfrage
       gestellt, ob das, was ich mache, moralisch in Ordnung ist. So
       bin ich groß geworden." Und er zementierte seine Postition noch
       deutlicher ein: "Ich esse unheimlich gerne Fleisch. Es gibt
       nichts Schöneres als einen ordentlichen Wurstteller, in den ich
       reinbeiße."
       Konsumenten, denen "alles wurscht" ist
       Martin Balluch appellierte im letzten Drittel der Diskussion
       daran, von einem strikten Schwarz-Weiß-Denken wegzukommen, denn
       es gebe nicht nur zwei Positionen: Auf der einen Seite die
       Veganer und auf der anderen Seite die Konsumenten, denen "alles
       wurscht" ist.
       Der Tierrechtsaktivist hält nichts davon, die Verantwortung nur
       allein an den Konsumenten abzuwälzen: "Es geht nicht um die
       Bereinigung des eigenen Gewissens, sondern um eine Änderung der
       Stellung des Tiers in der Gesellschaft. Das müssen wir in einem
       gemeinsamen gesetzlichen Schritt machen." Er nannte dafür ein
       Beispiel aus Österreich: "Vor dem Verbot von Legehennenbatterien
       waren zwar 86 Prozent der Menschen dagegen, aber 80 Prozent
       haben Eier aus dieser Produktion gekauft." Die Menschen seien
       eben durch das System gezwungen worden, Produkte zu kaufen, die
       sie eigentlich nicht wollten.
       Ein Anfang wäre es etwa, in den Betrieben von Tönnies die
       Haltungsbedingungen zu verbessern und den Tieren Stroheinstreu
       zu vergönnen. Zudem sollten die Vollspaltböden verboten und ein
       verpflichtender Auslauf sichergestellt werden. "Dann sind wir
       aber immer noch bei Masse", konterte Tönnies. "Ja, aber es wäre
       ein riesiger Fortschritt, den auch der Konsument will", meinte
       Balluch und verwies darauf, dass in Österreich weniger als ein
       Prozent der gesamten Fleischproduktion Biofleisch ist. (Julia
       Schilly, derStandard.at, 24.9.2012)
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