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       #Post#: 338--------------------------------------------------
       Fairphone - Interview mit Bas Van Abel - Enorm Magazin
       By: SilkeGiesinger Date: May 15, 2014, 1:27 pm
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  HTML http://enorm-magazin.de/fairer-gehts-noch?utm_source=Fairphone&utm_campaign=6da3e6b640-Late_Feb_2014_General_Newsletter_copy_01_5_8_2014&utm_medium=email&utm_term=0_fc950fe855-6da3e6b640-52399529&mc_cid=6da3e6b640&mc_eid=5831a0d73f
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       Herr van Abel, der ersten Auflage des Fairphones lag eine
       Postkarte bei, auf der stand „Failphone“. Was meinen Sie damit?
       Wenn man so etwas wie das Fairphone macht, muss man zur
       Selbstkritik fähig sein. Wir mussten schnell feststellen, dass
       es viele Betrachtungsweisen zu Fairness gibt. Was für den einen
       fair bedeutet, kann für den anderen unfair sein. Damit haben wir
       gerechnet, es ging uns ja darum, diese Schwierigkeiten
       aufzuzeigen. Aber wir sind in Probleme und Diskussionen
       hineingeraten, die sehr paradox sind in Anbetracht dessen, was
       man unter fair versteht.
       Womit haben Sie nicht gerechnet?
       Vor drei Jahren, als wir nur ein paar Leute waren, die ein
       Smartphone produzieren wollten, sind wir in den Kongo gefahren,
       um einen Dokumentarfilm zu drehen. Dafür mussten wir erst den
       Kulturminister vor Ort bestechen. Wir haben in einer Kobalt-Mine
       gefilmt und die Arbeiter interviewt. Nach einer Stunde wurde uns
       klar, dass die Männer in dieser Zeit nicht gearbeitet hatten.
       Also schlugen wir vor, ihnen einen Sack Kobalt abzukaufen. Uns
       gefiel die Idee, das Material direkt von der Mine mit nach
       Holland zu bringen, um den Leuten zu erklären, welche Rohstoffe
       in ihrer Handy-Batterie stecken und woher sie stammen. Ich gab
       einem Arbeiter 50 Dollar, die er mit seinen Kollegen teilen
       sollte. Er aber ist mit dem Geld davongerannt und die anderen
       sind hinter ihm her. Sie hätten ihn fast gelyncht. Von diesen
       Misserfolgen gab es viele, aber ich betrachte sie nicht als
       solche. Sie erzählen einen Teil der Geschichte.
       Welche Geschichte meinen Sie?
       In den vergangenen 15 Jahren sind mehr als fünf Millionen
       Menschen im Kongo im Krieg gestorben. Wir denken, wir hätten
       nichts damit zu tun. Aber natürlich gibt es einen Zusammenhang
       zwischen unseren Handys, den Rohstoffen und dem Krieg. Man muss
       in die Strukturen eintauchen. Das ist der einzige Weg
       herauszufinden, weshalb Dinge so sind, wie sie sind, und ob man
       den Status quo ändern kann.
       Wissenschaftler, NGOs und Journalisten kritisieren schon lange,
       wie die Metalle und Mineralien in unseren Geräten den Konflikt
       dort am Leben halten. Wozu braucht es noch ein weiteres
       Smartphone, das in denselben Strukturen hergestellt wird?
       Vor drei Jahren haben wir als Kampagne angefangen. Doch
       Aufmerksamkeit herzustellen ist die eine Sache. Ich denke, man
       muss die Wirtschaft von innen verändern. Wir haben ein
       kommerzielles Modell gewählt, um die kommerzielle Welt zu
       ändern.
       Ist das nicht ein Widerspruch? Die unfaire Lieferkette von
       Elektrogeräten ist doch verantwortlich für all die Probleme.
       Für ein wirklich faires Gerät müsste man die ganze Welt ändern.
       Fairness ist ein abstrakter Begriff. Selbst der Faire Handel ist
       nicht hundertprozentig fair. Darf man dann ein Smartphone fair
       nennen? Uns erscheint es sinnvoll. Dass wir unsere Arbeit nicht
       in absoluten Zahlen ausdrücken können, heißt nicht, dass wir
       keine Wirkung erzielt haben.
       „Fair“ ist für ethische Konsumenten ein fester Begriff, der für
       Handelskriterien steht, von denen Kleinbauern profitieren
       sollen. Haben Sie nicht falsche Erwartungen geweckt?
       Es existiert kein Fairer Handel bei Elektronikgeräten – die
       Lieferkette ist viel komplizierter als bei Bananen oder Kaffee.
       Trotzdem sind wir kritisiert worden. Es hieß, wir betrieben
       Greenwashing. Dieser ziemlich dogmatische Zugang zur Welt hat
       mich überrascht. Fair muss fair sein, eine NGO hat dieses zu
       tun, ein Unternehmen jenes …
       Das Fairphone hat bei der Ankündigung für viel Begeisterung
       gesorgt. Jetzt mehren sich kritische Stimmen, es bleibe hinter
       den Erwartungen zurück. Wie gehen Sie damit um?
       Unsere Kunden sind nicht enttäuscht, sie wussten, was sie
       kaufen. Mit Kritik haben wir gerechnet. Wir wollten mit dem
       Fairphone eine Diskussion in Gang bringen. Wir haben eine
       Nachfrage jenseits des Produkts geschaffen – nämlich nach einer
       fairen Produktionsweise. Wir haben belegt, dass es eine große
       Gruppe bewusster Konsumenten gibt. 25 000 Leute wollten ein
       faires Handy – sie haben jetzt eine Stimme. Vielleicht gibt es
       ein größeres Unternehmen, das diese Stimme hört. Wir selbst sind
       zu klein, um die ganz großen Änderungen herbeizuführen.
       Kritisiert wird, dass nur zwei Mineralien im Fairphone unter
       Bedingungen abgebaut wurden, die man als konfliktfrei bezeichnen
       kann.
       Von den 30 Metallen und Mineralien in einem Handy sind nur vier
       nicht konfliktfrei: Tantal, Wolfram, Zinn und Gold. Wir arbeiten
       daran, Zinn und Tantal konfliktfrei zu erhalten, zusätzlich
       haben wir ein Projekt mit fair gehandeltem Gold begonnen. So
       etwas im Kongo auf die Beine zu stellen bedeutet einen riesigen
       Aufwand.
       Über die Arbeitsbedingungen und Löhne sagt das aber nichts aus.
       Natürlich bedeutet konfliktfrei nicht auch fair gehandelt. Es
       gibt Kinderarbeit in den Minen, wenig Arbeitsschutz, niedrige
       Löhne. Das kann man nur ändern, wenn man vor Ort arbeitet. Als
       die USA 2010 den Dodd Frank Act verabschiedet hat, der
       Unternehmen verpflichtet offenzulegen, woher ihre Mineralien
       stammen, haben sich viele aus dem Kongo zurückgezogen. Sie
       beziehen die Rohstoffe jetzt einfach aus Australien. Für die
       Menschen im Kongo aber hat sich die Situation verschlechtert.
       Fairphone hat sich zwei Initiativen angeschlossen, um die
       Situation im Kongo zu ändern: Solutions for Hope für
       konfliktfreies Tantal und Conflict-Free Tin Initiative (CFTI)
       für Zinn. Beide wurden einst von Motorola angestoßen, auch
       Apple, Blackberry, Nokia und Philips sind Mitglieder.
       Wir haben uns die Initiativen ausgesucht, die am weitesten
       entwickelt sind und bei denen es bereits transparente
       Lieferketten gibt. Wir sind zu klein, etwas Eigenes aufzubauen.
       Es ist wichtig, dass die Firmen zusammen in diesen Initiativen
       arbeiten.
       Was macht Fairphone darüber hinaus im Kongo?
       Wir wollen die Leute zusammenbringen, um weitere Initiativen auf
       die Beine zu stellen. Wir sprechen mit Unternehmen, beraten uns
       mit lokalen Gruppen und Interessenvertretern. Wir sind mit
       Martin Kobler, dem Leiter der UN-Friedensmission im Kongo,
       darüber im Gespräch, wie man die Minen besser schützen kann. Es
       gibt noch immer riesige Probleme mit Rebellen, Korruption und
       Schmuggel. Natürlich werden auch diese Initiativen kritisiert,
       und einiges geht schief. Es ist ein Anfang. Unser Ziel sind
       höhere Standards, die über „konfliktfrei“ hinausgehen, wie etwa
       der Faire Handel.
       Der Dodd Frank Act belegt, dass sich Unternehmen nur bewegen,
       wenn sie per Gesetz verpflichtet werden. Setzt sich Fairphone
       auch politisch ein?
       Wir reden mit dem niederländischen Außenministerium, das als
       Vermittler in der CFTI fungiert. Und wir versuchen, in der EU
       für die Bedeutung solcher Initiativen zu werben. Die
       EU-Kommission hat uns eingeladen, weil sie interessiert daran
       ist, neue Rechtsvorschriften aufzusetzen. Initiativen wie die
       CFTI und Solutions for Hope brauchen eine gute
       Gesetzesgrundlage, damit sie funktionieren. Fairphone ist keine
       Lobby-Organisation und auch keine NGO. Das verschafft uns in der
       EU Stärke. Es macht uns aber auch anderen gegenüber schwach. Wir
       werden auch mit Skepsis betrachtet.
       Von wem?
       In Indonesien zum Beispiel war es schwer, Initiativen
       beizutreten, die von NGOs und Unternehmen gemeinsam betrieben
       werden. Die Firmen hielten uns für eine als Unternehmen getarnte
       NGO. Es gab die Angst, Fairphone würde das Ganze spalten. Die
       NGOs waren skeptisch, weil sie uns als Hersteller eines
       kommerziellen Produkts betrachten. Als aus unserer NGO ein
       Unternehmen wurde, gab es Organisationen, die das Projekt
       verlassen mussten, weil sie nicht mit kommerziellen Unternehmen
       arbeiten dürfen. Wenn wir aber erst einmal drin sind in einem
       Projekt, zeigen wir, dass wir eine Brücke zwischen beiden Seiten
       schlagen können. Das zeigt zum Beispiel unsere Kooperation mit
       SOMO, einer NGO, die faire IT als einen Schwerpunkt hat:
       Organisationen, die mit uns arbeiten, behalten ihre
       Unabhängigkeit. Von manchen Organisationen, mit denen wir
       zusammenarbeiten, dürfen wir aber die Namen nicht nennen.
       Unternehmen wie Motorola oder der Elektronikhersteller AVX sehen
       uns als gute Plattform für die Industrie, weil wir öffentlich
       machen, dass im Fairphone nur Rohstoffe aus ihren Projekten
       stecken. Würden sie das selbst vermarkten, würden vermutlich
       alle nur darauf schauen, was schiefläuft. Ich finde unsere
       Position großartig. Irgendwie hält Fairphone allen den Spiegel
       vor.
       Verhelfen Sie den Firmen damit nicht nur zu einem guten Image?
       Wir schaffen explizit Aufmerksamkeit für die Verbindung zwischen
       dem Kongo und unseren Geräten. Das machen die anderen Hersteller
       nicht, im Gegenteil. Aber es wäre doch verrückt, Fairphone zu
       kritisieren, aber andere Konzerne nicht dazu zu bewegen, Teil
       guter Initiativen zu werden.
       Konzerne sind wachstums- und profitgetrieben. Smartphones
       wiederum sind Statussymbole. Sie werden ständig verändert, um
       für Käufer attraktiv zu bleiben. Im Grunde sind sie ein Symbol
       des imperialen westlichen Lebensstils. Wie könnte das nachhaltig
       sein?
       Ein Geschäftsmodell, das Konsumenten glauben macht, sie
       bräuchten alle anderthalb Jahre ein neues Smartphone, ist sicher
       nicht nachhaltig. Es ist paradox: Das Handy bringt als
       Kommunikationssystem viel Gutes in die Welt, doch das kehrt sich
       um, wenn man seine Herstellung betrachtet. Mein Ziel ist es, die
       Kluft zwischen unserer fortschrittlichen Art zu kommunizieren
       und dem veralteten Produktionssystem zu überwinden.
       Die Bestellungen für das zweite Fairphone laufen. Sie wachsen
       also auch?
       Kann sein, dass Leute sogar einmal nach Fairpads und so weiter
       fragen werden. Wenn wir damit etwas erreichen können und die
       Sache beherrschen: Warum nicht? Doch zunächst machen wir
       Fairphones. Wir wollen und werden nie ein großer Player sein und
       Millionen Handys verkaufen. Doch um mit allen Herstellern von
       Komponenten sprechen und noch tiefer in die Lieferkette
       eindringen zu können, müssen wir ungefähr 200 000 Smartphones
       pro Jahr herstellen. Ein soziales Unternehmen bleiben wir, weil
       wir keine externen Shareholder oder Investoren haben, sondern
       via Crowdfunding direkt mit den Kunden verbunden sind. Diese
       Unabhängigkeit wollen wir beibehalten. Und: Die Leute werden das
       Fairphone nicht kaufen, wenn sie nicht glauben, dass das, was
       wir machen, gut ist. Wir würden vom Markt verschwinden.
       Das Fairphone wurde im chinesischen Chongqing hergestellt, in
       der Fabrik A’Hong. Kritiker monieren, dass Arbeiter, die für
       Apple tätig sind, einen doppelt so hohen Lohn erhalten wie die
       Arbeiter, die das Fairphone produzieren.
       Ja, wahrscheinlich. Allerdings habe ich nirgendwo gesehen, dass
       Apple Zahlen offenlegen würde. Es ist außerdem nicht so, dass
       Apple die Arbeiter bezahlt, sondern die Fabrik Foxconn. Mit
       unserem Geld hätte A’Hong den Arbeitern beim Fairphone ein
       neunmal höheres Gehalt zahlen können. Das wäre eine super PR
       gewesen. Wir haben es trotzdem nicht gemacht. In der Fabrik
       arbeiten tausend Menschen, aber nur hundert davon für uns. Es
       hätte einen Aufstand gegeben.
       Sie hatten aber versprochen, existenzsichernde Löhne zu zahlen.
       Tatsächlich bekamen die Arbeiter nur den Mindestlohn.
       Da sind wir wieder beim Failphone. Wir mussten feststellen, dass
       wir gar nicht wissen, wie hoch ein existenzsichernder Lohn sein
       muss. Eine Studie sollte das für uns herausfinden. Dann haben
       wir entschieden, das Geld lieber allen in der Fabrik zugute
       kommen zu lassen und die Mitbestimmung der Arbeiter zu stärken.
       Wir haben einen Fonds nach niederländischem Recht gegründet.
       Derjenige, der darin die Arbeiter von A’Hong vertritt, muss von
       ihnen gewählt werden. Mit dem Fonds wurde also ein Wahlrecht in
       der Fabrik eingeführt. In den Statuten steht, dass das Geld zum
       Wohl der Arbeiter ausgegeben werden muss – wofür, das
       entscheiden sie gemeinsam.
       Wäre es nicht wichtiger, die Bildung von Gewerkschaften zu
       unterstützen? Das Recht auf Vereinigung ist ja Grundlage für
       Verhandlungen über existenzsichernde Löhne.
       Es gibt in China keine Gewerkschaftsfreiheit. Der Allchinesische
       Gewerkschaftsbund ist die einzige erlaubte Gewerkschaft – und
       der ist staatlich. Wir versuchen, Mechanismen aufzubauen, die
       einer Arbeitervertretung ähnlich sind. Wie etwa mit unserem
       Fonds: eine ganz andere Form, funktioniert aber ähnlich. So
       unterstützen wir also Gewerkschaften.
       Was werden die nächsten Schritte des Unternehmens Fairphone
       sein?
       Wir werden am Thema Kobalt aus dem Kongo arbeiten. Kobalt gilt
       zwar offiziell nicht als Konfliktmaterial, das sehen wir aber
       anders. Zudem wollen wir die Initiative für faires Gold
       vorantreiben, und wir nehmen uns Wolfram vor. In Ghana
       unterstützen wir ein Recyclingprojekt für Handys, deren
       Mineralien wir in der nächsten Version des Fairphones nutzen
       werden. Unser Phone ist längst noch nicht fair, wir können uns
       nicht zurücklehnen. Das wissen auch die Leute, die es gekauft
       haben. Das Fairphone kann ziemlich anstrengend sein: Wenn man es
       hat, muss man den Leuten erklären, warum es fair ist. Und schon
       ist man mittendrin in der Geschichte. /
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