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#Post#: 337--------------------------------------------------
Der Kampf gegen den Verpackungsmüll
By: SilkeGiesinger Date: April 20, 2014, 1:18 pm
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Es geht auch anders:
HTML http://diepresse.com/home/leben/mode/1510349/Der-Kampf-gegen-die-Verpackung
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Millionen Tonnen an Verpackungsmaterial landen jedes Jahr im
Müll. In Wien eröffnet im Jänner das erste Lebensmittelgeschäft,
das bewusst auf Verpackung verzichtet – sogar noch vor Berlin.
von Karin Schuh (Die Presse)
Wirklich neu ist die Idee ja eigentlich nicht, eher im
Gegenteil. „Ich habe das meinen beiden Großmüttern erzählt, die
waren äußerst unbeeindruckt“, sagt Andrea Lunzer. Immerhin waren
die Damen schon in ihrer Jugend mit einem schlichten Korb
einkaufen, die Milch wurde mit einem Behälter vom Bauern oder
aus dem Kühlhaus geholt und die heute üblichen, in
Styroportassen gelegten und in Plastikfolie eingeschweißten
geschnittenen Obst- oder Gemüsestücke wären ihnen nicht im Traum
eingefallen.
Andrea Lunzer plant genau so ein Geschäft, wie es ihre
Großmütter früher erlebt haben – eine Greißlerei. Das allein
wäre, wenn heutzutage auch nicht alltäglich, so doch nicht
ungewöhnlich. Aber Lunzers Maß-Greißlerei, wie das Geschäft
heißen wird, will komplett auf Verpackungen verzichten. Am
25.Jänner eröffnet sie im zweiten Wiener Bezirk, in der
Heinestraße 35, ihre Greißlerei. Zeitgleich arbeiten auch in
Berlin drei junge Damen an einem Supermarkt – der Name: Original
unverpackt. Und auch sie wollen dort auf Einwegverpackung
verzichten. Im Frühling soll es so weit sein.
Vorreiter London. Alle vier Neo-Händlerinnen dürften schon einen
Abstecher nach London gemacht haben. Denn dort war Catherine
Conway mit ihrem Lebensmittelgeschäft namens Unpackaged im Jahr
2007 die Erste, die auf ein solches Konzept setzt.
Aber zurück in die Wiener Leopoldstadt. Das noch nicht ganz
fertige Geschäft von Andrea Lunzer – die zuvor im
Verpackungsbereich und Marketing einer großen Biokette tätig war
– erinnert nämlich auch optisch an den Unpackaged-Shop in
London. Dunkle Regale, in denen Nudeln, Getreide oder Nüsse in
Plexiglasbehältern darauf warten, in kleine Glasbehälter
abgefüllt zu werden, reduziertes Design und dazwischen ein paar
alte Möbel, wie etwa ein großer Klostertisch, der Ess- und
Arbeitstisch in einem war. Zu Mittag wurde der Tisch einfach
zugeklappt und so die Handarbeiten der Nonnen verstaut. In einer
Ecke des rund 100 Quadratmeter großen Lokals befindet sich ein
kleines Café, mit Bistrotischen und den derzeit so beliebten,
großen Industrielampen.
So weit, so chic. Aber wie funktioniert nun der Einkauf ohne
Verpackung? „Ganz einfach“, sagt Lunzer, „man nimmt seine
eigenen Behälter mit, geht als Erstes zur Kassa, lässt das
Leergeschirr abwiegen und füllt dann auf, was man braucht.“ Und
wer nichts dabeihat, kann bei ihr auch die passenden
Glasbehälter kaufen. Notfalls gibt es auch kostenlose
Papiersackerln. Und der Käse aus der Feinkostabteilung kann
ebenso in umweltfreundlichem Papier verpackt werden.
Damit speziell die Kundschaft aus der Nachbarschaft nicht den
ganzen Tag die Behälter bei sich haben muss, um abends
einzukaufen, bietet Lunzer ein spezielles Service an. „Man kann
in der Früh seinen Korb und seine Behälter vorbeibringen,
inklusive Einkaufsliste, und am Abend dann alles fertig
eingepackt abholen.“ Bei jenen Produkten, die schwierig ohne
Verpackung auskommen – etwa Milch und Milchprodukten –, setzt
sie auf Mehrwegflaschen. Auf Fleisch wird gleich ganz
verzichtet. Weniger aus logistischen Gründen als aus
persönlicher Überzeugung. Dass die Produkte aus biologischem
Anbau kommen und einen möglichst kurzen Transportweg zurücklegen
mussten, versteht sich von selbst. Lunzer hat dabei einen
kleinen Heimvorteil, sie ist auf einem Biobauernhof im
burgenländischen Seewinkel aufgewachsen.
Das System umkrempeln. Die junge Frau ist überzeugt, dass das
Konzept funktionieren wird. Immerhin gibt ihr der Erfolg der
Kollegin aus London recht. Andererseits bemerkt sie auch in
ihrem Umfeld, dass sich immer mehr Menschen darüber Gedanken
machen, wie viel (unnötige) Verpackung verwendet und weggeworfen
wird. „Manche Dinge sind ja absurd, etwa einzeln eingeschweißte
Äpfel mit einer Serviette. Als bräuchte es das, um zu sagen: Das
ist ein Snack.“
Sie selbst ist auf das Thema durch ihre berufliche Tätigkeit
gestoßen. „Ich habe mich viel mit Kunststoffalternativen
beschäftigt, die biologisch abbaubar sind. Irgendwann hat es
aber Klick gemacht und mir ist bewusst geworden, dass ich mir
weniger Gedanken über das Material, sondern lieber über die
Verpackungsvermeidung an sich machen sollte. Man muss das System
anders sehen.“
Im Lebensmittelhandel, wo sie zuvor tätig war, hat sie zu wenig
Willen zur Veränderung gesehen. „Die wollen teilweise etwas tun,
aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich das auf kleine
Veränderungen beschränkt, indem eine normale Folie durch eine
Bioplastikfolie ersetzt wird.“
Zweifelhafter Weltmeister. Ähnlich sieht das Elmar
Schwarzlmüller von der Abteilung Ressourcen und Abfall der
Wiener Umweltberatung. „Bei der Abfalltrennung steht Österreich
im internationalen Vergleich sehr gut da, bei der
Abfallvermeidung haben wir noch sehr viel Potenzial“, sagt er.
„Ich krieg immer ein bisschen Bauchweh bei der Meldung, dass wir
wieder Abfalltrennweltmeister sind. Das bedeutet ja, das wir
auch wahnsinnig viele Tonnen Plastik in Umlauf bringen.“ Laut
dem Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) stieg in
Österreich die Zahl des Verpackungsabfalls insgesamt von
1,103.000 Tonnen im Jahr 1997 auf 1.232.059 Tonnen im Jahr 2011.
Begründet sieht Schwarzlmüller den Anstieg nicht nur in der
wachsenden Bevölkerungszahl und in den immer kleiner werdenden
Haushalten (Stichwort Singlehaushalte), sondern auch in immer
aufwendigeren und kleinteiligeren Verpackungen. Besonders
drastisch ist übrigens der Abfall aus Kunststoff gestiegen,
nämlich von 180.000 Tonnen (1997) auf 264.152 Tonnen (2011).
Papier hingegen – immer noch der größte Anteil im
Verpackungsmüll – blieb bei rund 500.000 Tonnen.
Bei diesen 1,232 Millionen Tonnen Verpackungsabfall handelt es
sich allerdings nur um jene Verpackungen, die getrennt gesammelt
werden. Christian Pladerer vom Österreichischen
Ökologie-Institut schätzt, dass die doppelte Menge, also zwei
Millionen Tonnen, pro Jahr im Restmüll landen.
Keine Mehrwegflaschen mehr. Ein besonders großes ökologisches
Problem sieht er genauso wie Schwarzlmüller in der
Einwegflasche, die erst Mitte der 1990er-Jahre aufgekommen ist.
„Damals hatten wir bei Mineralwasser einen Mehrweganteil von
fast 100 Prozent, heute liegt er bei unter 18 Prozent“, sagt
Schwarzlmüller. Er macht den Handel dafür verantwortlich und
fordert seit Jahren eine verpflichtende Mehrwegquote. Die gab es
nämlich schon einmal, wurde aber im Jahr 2000 gesenkt
beziehungsweise auf null gesetzt. „Dass das rechtswidrig ist,
wurde sogar vom Verfassungsgerichtshof bestätigt. Da aber nie
eine neue Quote festgelegt wurde, liegt sie heute immer noch bei
null“, so Schwarzlmüller, der von der freiwilligen
Selbstverpflichtung der Unternehmen nur wenig hält.
Mehrwegflaschen, die im Schnitt bis zu 40 Mal befüllt werden,
werden heute nämlich kaum mehr verwendet. Der
Mineralwasserhersteller Römerquelle hat 2008 zum letzten Mal
PET-Mehrwegflaschen verwendet. Mitbewerber Vöslauer hat zwar
eine Pfandflasche im Sortiment, die ist allerdings keine
Mehrwegflasche. „Das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Diese
Pfandflasche wird nicht wiederbefüllt, sondern recycelt. Das ist
zwar ein bisschen besser, weil sortenrein gesammelt wird und es
eine höhere Rücklaufquote gibt, aber es ist keine
Mehrwegflasche.“
Auch von Bioplastik halten die beiden Experten nur bedingt
etwas. Denn Bioplastik bedeutet nur, dass es nicht aus fossilen
Rohstoffen, sprich Erdöl, hergestellt wurde und dass das Produkt
biologisch abbaubar ist. Mit den Grundsätzen des biologischen
Anbaus hat es aber wenig zu tun. „Ich sehe das eher kritisch,
wir wissen nicht, woher das kommt und ob zum Beispiel der Mais,
den man dafür verwendet, gentechnisch verändert wurde“, sagt
Pladerer. Außerdem müssen unterschiedliche Kunststoffe auch
getrennt gesammelt und recycelt werden. Besser wäre es, schlicht
Verpackung zu vermeiden.
Genau das versucht Micky Klemsch seit mehreren Jahren. „Ich
führe seit fünf Jahren ein ziemlich anderes Leben, als ich es in
den ersten 40 Jahren geführt habe“, sagt Klemsch, der sich auch
beruflich – er arbeitet bei dem Magazin „Biorama“ und ist
politisch bei den Grünen aktiv – mit dem Thema befasst. Heute
erledigt er die meisten Einkäufe bei einem Bäcker und einem
Bioladen in seiner Nachbarschaft am Wiener Stadtrand. Die
besucht er nie ohne Einkaufskorb, Stofftaschen für Obst und
Gemüse, (bereits verwendetes) Papier fürs Brot und Tupperware
für Wurst, Käse oder Fleisch. „Ich wollte das eigentlich auch
nicht verwenden, aber wenn ich es schon habe, bringt es ja
nichts, das wegzuschmeißen.“
Mit der Lunchbox im Supermarkt. In seiner Umstellungsphase hat
er damit auch „provokativ“, wie er sagt, im Supermarkt
eingekauft. „Die haben mich immer angeschaut, als wär ich ein
Außerirdischer, wenn ich sie gebeten habe, dass sie die Wurst
gleich da reingeben.“ Brot und Gebäck hat er ohne Sackerl
verlangt. Die Pickerl, auf denen der Preis stand, klebte er sich
auf den Ärmel. „Irgendwann habe ich damit aufgehört. Die haben
mich angeschaut, als wäre ich der Komische. Heute meide ich
Supermärkte“, sagt Klemsch. Ganz so streng nimmt er all das aber
nicht. „Ich bin nicht päpstlicher als der Papst. Wenn es einmal
nicht anders geht, nehme ich auch die Verpackung in Kauf. Aber
ich bemühe mich.“ Auch er beobachtet, dass diese Art des
Einkaufens in seinem Umfeld positiv aufgenommen wird. „Es gibt
viele Leute, die ich durch mein Tun mitreiße.“
Weihnachtsgeschenke, auf die er mittlerweile aber auch
verzichtet, hat Klemsch früher mit Zeitungspapier verpackt.
Wobei Geschenkpapier ohnehin nicht das größte Übel rund um
Weihnachten sein dürfte. Viel eher steigt in den Geschäften das
Angebot an bereits fertig und besonders aufwendig verpackten
Geschenken. Und auch der Konsum von Lebensmitteln und Getränken
steigt in der Zeit vor Weihnachten an. Experte Pladerer meint
darauf nur trocken: „Natürlich gibt es saisonale Schwankungen.
In der Weihnachtszeit werden zusätzliche Behälter für Glas
aufgestellt.“
In Zahlen
1,232 Millionen Tonnen Verpackung werden in Österreich pro Jahr
gesammelt.
2 Millionen Tonnen Verpackung landen pro Jahr im Restmüll.
4 Milliarden Getränke werden pro Jahr in Einwegflaschen in
Österreich konsumiert.
40 Mal wird im Schnitt eine Mehrwegflasche verwendet.
Unverpackt
Lunzers Maß-Greißlerei
Am 25. Jänner eröffnet Andrea Lunzer eine Bio-Greißlerei, die
ohne Verpackungen auskommt. Heinestraße 35, 1020 Wien,
www.maß-greißlerei.at
Original unverpackt
Im Frühling 2014 eröffnen drei Frauen in Berlin einen
Supermarkt, der auf Einwegverpackungen verzichtet.
www.original-unverpackt.de
Unpackaged
Bereits seit 2007 betreibt Catherine Conway in London einen
Shop, in dem nichts verpackt ist. www.beunpackaged.com
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