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#Post#: 270--------------------------------------------------
Nachdenkliches von Hirnforscher Gerald Hüther - unter anderem zu
m Thema Konsum
By: SilkeGiesinger Date: June 16, 2013, 12:58 pm
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"Die heutige Wirtschaftswelt basiert auf Wachstum statt auf
Ethik – dadurch werden Menschen gefördert, die funktionieren,
aber nicht mehr sie selbst sind" - Zitat Gerald Hüther
HTML http://www.beruf-berufung.ch/inspiration/interviews/gerald-huether
HTML http://www.beruf-berufung.ch/inspiration/interviews/gerald-huether
Gerald Hüther, Professor für Neurobiologe und Sachbuch-Autor
«Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei»
«Die heutige Wirtschaftswelt basiert auf Wachstum statt auf
Ethik – dadurch werden Menschen gefördert, die funktionieren,
aber nicht mehr sie selbst sind», sagt Gerald Hüther, Professor
für Neurobiologie an der Universität Göttingen. Der 62-Jährige
kritisiert, dass wir uns von der Unterhaltungsindustrie
verführen lassen und damit nicht nur unser eigenes Hirn
ruinieren, sondern auch das unserer Kinder.
Interview: Mathias Morgenthaler Foto: Josef Fischnaller
Kontakt und weitere Informationen:
www.gerald-huether.de oder www.millionways.org
Herr Hüther, wer oder was wären Sie gerne geworden?
GERALD HÜTHER: Wie alle Jungs wollte ich Lokführer werden,
später Zoodirektor. Als ich in die kritische Phase kam, in der
die ersten Festlegungen getroffen werden, stand für mich die
Biologie im Vordergrund. Ich hatte riesiges Glück, dass meine
Eltern und die anderen Erwachsenen in der Grossfamilie, in der
ich aufwuchs, mir viel Freiraum gelassen haben. So konnte ich
meine Talente und Begabungen entdecken, ohne den Erwartungen
anderer ausgesetzt zu sein. Ich musste niemandem gefallen, es
niemandem recht machen.
Heisst das, die Eltern sollten sich nicht zu sehr um ihre Kinder
kümmern?
Heute wird zu viel gefördert, begleitet und optimiert. Damit
nehmen wir den Kindern die Chance, sich selbst zu befragen,
herauszufinden, was sie selber wollen. Ich durfte viel Zeit in
Kinder- und Jugendgruppen verbringen, in Vereinen und mit
Handwerkern. So fand ich heraus, was mich anzieht. Das ist heute
nur noch wenigen Kindern vergönnt.
Warum?
Weil Eltern ihre eigenen Sehnsüchte, ihr ungelebtes Leben auf
ihre Kinder projizieren. Man kann das Hirn im Laufe seiner
eigenen Entwicklung ruinieren und das seiner Kinder obendrein.
Kinder versuchen immer, die Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen
– selbst wenn sie dagegen revoltieren, sind sie nicht weniger
durch sie bestimmt. In beiden Fällen leben sie das Leben ihrer
Eltern weiter. Etwas Eigenes aufzubauen gelingt nur, wenn wir
früh die Erfahrung machen, dass wir die Gestalter unseres Lebens
sind. Dafür braucht es Gelegenheiten, Freiräume ohne Förderung
und Programm, auch ohne TV-Programm. Wird die Gestaltungskraft
nicht entwickelt, bleibt nur die Hoffnung auf Veränderungen von
aussen. Wer sich nicht als Autor seines Lebens wahrnimmt, ist
den Verführungen der Unterhaltungsindustrie wehrlos ausgesetzt.
Woran denken Sie konkret?
In der freien Natur finden wir wunderbare Gestaltungsräume. Die
meisten Spielzeuge in unserer Konsumgesellschaft dagegen rauben
uns sämtliche Gestaltungsmöglichkeiten, sie reduzieren uns auf
die Rolle der Ausführenden. Die Unterhaltungsindustrie verführt
uns dazu, ihr permanent Aufmerksamkeit zu schenken, indem sie
Banales für bedeutsam und aufregend erklärt. Weil sie viel zu
früh Konsumenten werden, verlieren Kinder die Fähigkeit,
Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.
Dieses Problem haben auch Erwachsene. Jedes neu eintreffende
Mail, jeder Anruf wirkt attraktiver auf uns Büroarbeiter als die
Vertiefung in anstrengende Denkarbeit.
Solange Sie sich auf jedes neue Mail stürzen, sind Sie ein
Bedürftiger, getrieben von einem ungestillten Bedürfnis nach
Anerkennung und Zugehörigkeit. Wenn man in sich ruht, ist man
für all die blinkende Ablenkung weniger empfänglich. Wer aber
auf jeden leuchtenden Knopf, auf jede neue Nachricht springt,
der sollte sich fragen: Wie war das in meiner Kindheit und
Schulzeit? Fand ich da genug Anerkennung und Zugehörigkeit? Wir
sollten nicht über Smartphones, Facebook oder Gratiszeitungen
schimpfen, die uns zerstreuen, sondern uns mit der Frage
auseinandersetzen, was wir tun können, damit weniger Menschen
mit dem Gefühl rumlaufen, sie seien nichts wert. Dagegen kann
man etwas tun, auch in der Arbeitswelt. Wir müssen Bedingungen
dafür schaffen, dass mehr Menschen einer Tätigkeit nachgehen
können, die sie wirklich interessiert.
Die Erwartung, sich im Beruf verwirklichen zu können, ist ein
relativ neues Phänomen.
Frühere Generationen kannten übergeordnete Instanzen, denen sie
ihr Ego unterordneten. Wer religiös war, versuchte, gottgefällig
zu leben, andere fühlten sich dem Arbeitgeber verpflichtet.
Heute dominiert die nüchterne Lohnarbeit. Das ist eine ungesunde
Entwicklung. Jeder hat das Recht, darauf zu pochen, dass er
nebst Geld auch Erfüllung bekommt. Das ist dann der Fall, wenn
er durch seine Tätigkeit zu einer Gemeinschaft gehört und wenn
er dort in Freiheit und Verbundenheit zeigen kann, was er drauf
hat. So erklärt sich auch der Pensionierungsschock: Man wird
zwar von der Arbeitspflicht befreit, schwerer wiegt aber bei den
Meisten der Verlust der Zugehörigkeit.
Sie kritisierten kürzlich in einem Interview, dass Unternehmen
«Dressurmethoden» anwenden, um Fachidioten auszubilden, statt
auch Querdenkern und Quereinsteigern eine Chance zu geben.
Das gilt für die auf reibungslose Effizienz getrimmten Konzerne.
Aber im Mittelstand, der in der Schweiz und in Deutschland die
Wirtschaft prägt, geht es unglaublich bunt zu und her, da sehe
ich keine Stromlinienförmigkeit. Machen wir uns nichts vor:
Effizienz und Massenproduktion, das können die Chinesen besser
als wir. Unsere Chance besteht darin, innovativ zu sein und
Neues zu erfinden. Dafür braucht jeder Arbeitgeber Mitarbeiter,
die ihm etwas schenken, was er nicht gegen Bezahlung einfordern
kann: die Lust am Nachdenken, die Freude an der Gestaltung. Und
echte Freundlichkeit. Ein aufgesetztes Lächeln kann man
antrainieren, echte Freundlichkeit entsteht nur, wenn ich in
Kontakt bin mit meinen Talenten. Dies wiederum gelingt leichter,
wenn Eltern ihren Kindern erlauben, eigene Wege zu gehen, statt
vor lauter Ängstlichkeit darauf zu beharren, dass sie etwas
Rechtes lernen, sprich: sich frühzeitig in ein Berufsschema
zwängen lassen.
«Wir sind alle nur Kümmerversionen dessen, was wir sein
könnten», lautet eine Ihrer Überzeugungen. Liegt das daran, dass
wir uns zu früh dem Arbeitsmarkt anpassen?
Den Arbeitsmarkt gibt es nicht, es gibt nur unterschiedliche
Unternehmen und unterschiedliche Ängste. Bei den Unternehmen
verändert sich vieles. Jene, die zur Erreichung kurzfristiger
Ziele auf Peitsche und Incentives setzen, gibt es noch immer.
Ich sehe aber auch viele, die ganz ernsthaft auf
Beziehungskultur setzen. Unternehmen, in denen die Mitarbeiter
ihren eigenen Lohn mitbestimmen, in denen Führungskräfte einen
Teil der Boni an ihr Team abgeben. Ich sammle solche Beispiele
und publiziere sie auf kulturwandel.org. Diese neue Arbeitswelt
wächst rasch, die Unternehmen, die dazugehören, haben keine
Schwierigkeiten, neue Talente zu finden.
Was raten Sie jemandem, der 20 Jahre in einem traditionell
geführten Grossunternehmen Karriere gemacht hat und trotz
Unwohlsein den Absprung nicht schafft, weil er sich an die
Annehmlichkeiten gewöhnt hat?
Er soll sein Standbein vorerst beibehalten und sich ein
Spielbein aufbauen, mit dem er kleine Schritte in eine neue
Richtung machen kann. Mit der Zeit wird sich der Radius
vergrössern. Oft findet man auch im angestammten
Beschäftigungsfeld Gestaltungsspielräume. Oder man findet ein
neues Feld, in dem man die erworbenen Fähigkeiten besser zur
Entfaltung bringen kann. Das verspricht mehr Erfolg als der
radikale Bruch. Konkret: Wenn ein Jurist genug davon hat, den
Amtsschimmel zu reiten, kann er sich beim WWF oder bei
Greenpeace engagieren – da hat er bessere Erfolgschancen als
wenn er sich als Fischer in der Südsee eine neue Existenz
aufzubauen versucht.
Sie unterstützen die Bewegung Millionways und die gleichnamige
Stiftung. Welche Ziele verfolgen Sie damit?
Wir leben alle so dahin, lassen uns leben und treiben, stellen
aber die entscheidenden Fragen nicht, die da lauten: Was will
ich wirklich? Warum will ich hier unterwegs sein? Was kann ich
bewegen? Diese elementaren Fragen liegen oft tief verborgen,
zugeschüttet mit Alltagsmüll, verdrängt durch Geschäftigkeit.
Die heutige Wirtschaftswelt basiert meist auf Wachstum statt auf
Ethik – dadurch werden Menschen gefördert, die funktionieren,
aber nicht mehr sie selbst sind. Wir werden belohnt dafür,
unachtsam mit uns und unserem Umfeld zu sein. Mit der Bewegung
Millionways wollen wir zu einer Gesellschaft beitragen, in der
es normal ist, das Potenzial jedes Einzelnen zu entdecken, zu
fördern und auszuleben. Bislang ging das nur, wenn Einzelne
überdurchschnittlich viel Kraft, Mut und Energie hatten – denn
geholfen wurde einem selten. Oft wurde man sogar entmutigt und
entfernte sich von den eigenen Träumen aus rationalen
Beweggründen und scheinbaren Zwängen.
Wie wollen Sie das ändern?
Indem wir jeden Einzelnen dazu befähigen, ein klares Bewusstsein
seiner Talente und Begabungen zu entwickeln. Dann braucht es die
Bereitschaft von Arbeitgebern, solche selbstbewusste Berufsleute
auch einzustellen. Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, als
arbeitender Mensch zu funktionieren, sondern als lebender Mensch
zu existieren. Millionways fungiert als Anlaufstelle für
Menschen, die ihr wahres Potenzial erkannt haben oder erkennen
wollen – und für Unternehmen, die auf solche Mitarbeiter setzen.
In gewisser Weise holen wir nach, was die Schule versäumt, weil
sie noch immer mehr wie eine Erbsensortieranlage funktioniert.
Machen Sie es sich mit dieser pauschalen Kritik an der Schule
nicht etwas zu einfach?
Die Schule wird von jeder Gesellschaft so betrieben, wie es zur
Erhaltung dieser Gesellschaft erforderlich ist. Im
Fabrikzeitalter brauchte es Pflichterfüller, die auf Belohnung
und Bestrafung reagierten. Heute braucht es Menschen, die ihr
Potenzial nicht entfalten konnten und deshalb zum bedürftigen
Konsumenten taugen. So gesehen macht die Schule alles richtig.
Als Hirnforscher, der sich fragt, was ein Mensch alles sein
könnte, bin ich aber nicht glücklich über unser Schulsystem. Es
macht viele unserer Kinder zu Optimierern und Schnäppchenjägern,
deren Expertise darin besteht, mit wenig Aufwand gut über die
Runde zu kommen. Das prädestiniert sie dazu, billig Schrott zu
erstehen und auf den Weg der kollektiven Verblödung einzubiegen.
Welche Alternativen schlagen Sie vor?
Es gibt sie schon, die anderen Schulen, wie die Initiative
«Schulen der Zukunft» zeigt. Ich war gerade auf einem Kongress
mit 1200 Teilnehmern in Zürich. Da gibt es jahrgangsübergreifend
Lernbüros statt Frontalunterricht, die Schüler legen selber
einen Plan fest, wie sie sich durch eine Sequenz von Aufgaben
durcharbeiten. Sie holen sich Hilfe bei älteren Mitschülern und
melden sich zur Prüfung an, wenn sie bereit sind. Es gibt Fächer
wie Verantwortung, wo sich Kinder um Senioren oder Zootiere
kümmern. Wenn alle Schulen so funktionieren würden, müssten 90
Prozent der Läden an der Zürcher Bahnhofstrasse mangels
Nachfrage schliessen – und nicht nur dort.
Sie rufen also zum Konsumverzicht auf in eine Zeit, in der uns
alle Ökonomen predigen, dass wir dringend weiteres Wachstum
brauchen?
Blinder Konsum, der die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in
Kauf nimmt, ist keine Lösung, sondern wesentlicher Bestandteil
unseres Problems. Massenproduktion ist eine Ersatzbefriedigung
einer Gesellschaft in grosser Identitätskrise. Aus der
Neurobiologie wissen wir: Wenn wir die Beziehungen verbessern
zwischen den Nervenzellen, sprich für bessere Konnektivität
sorgen, dann erreichen wir mehr mit geringerem
Ressourcenaufwand. Das ist in meinen Augen auf die Wirtschaft
übertragbar. Der Wettbewerb in der heutigen Form richtet uns auf
Dauer zugrunde. Das Zeitalter der Einzelkämpfer neigt sich dem
Ende zu, wir sollten lernen, uns besser zu verknüpfen und mehr
zu teilen. Jede andere Haltung ist so sinnlos, als würde die
Leber mit Milz und Lunge darum kämpfen, wer die Macht über den
Körper hat.
Sie erklären selber in Ihrem Buch «Männer, das schwache
Geschlecht», dass Männer meistens den Wettbewerb suchen, sich an
äusserem Erfolg orientieren, um so das Gefühl der Bedeutsamkeit
zu bekommen. Das sind schwierige Voraussetzungen für mehr
Kooperation.
Das stimmt, Männer versuchen – mehr als Frauen – sich zu
beweisen und allen zu zeigen, was sie können. Wenn ein Mann sich
dann noch minderwertig fühlt, ist er zu allem fähig – im Guten
wie im Bösen. Van Gogh und Hitler wären undenkbar mit intaktem
Selbstwertgefühl. Wenn es stimmt, dass wir als Gesellschaft an
einem Wendepunkt stehen und die Zeit der Einzelkämpfer vorbei
ist, dann ist es eminent wichtig, dass junge Menschen früh die
Erfahrung machen, per se bedeutsam zu sein, unabhängig ihres
Leistungsausweises. Auf dieser Basis werden Innovation und
Kooperation möglich. Wer getrieben ist vom Geltungsdrang,
handelt langfristig immer destruktiv.
Wie stark ausgeprägt ist Ihr eigener Geltungsdrang?
Neurobiologen sind unglaublich populär geworden, Sie treten als
Welterklärer, Medienstar und Bestsellerautor auf und entfernen
sich damit ein gutes Stück vom wissenschaftlichen Terrain.
Wenn Wissenschaft nur in reiner Analytik und der Zerlegung des
Wissens in immer weitere Bestandteile besteht, entferne ich mich
tatsächlich davon. Wir brauchen nicht endlos viele kleine
Mosaiksteinchen, sondern Menschen, die das Vorhandene zu einem
sinnvollem Gesamtbild zusammenfügen können. Ich bin mehr
Synthetiker als Purist. Ich spreche ungern über das Gehirn, ohne
den Körper, die Familie, die Gesellschaft einzubeziehen. Ich
sehe meine Aufgabe darin, ein Brückenbauer und Ermächtiger zu
sein, die grossen Linien herauszustreichen. Das 20. Jahrhundert
war geprägt durch Konkurrenz und Machbarkeit. Wenn ich das
richtig sehe, wird das 21. Jahrhundert im Zeichen der
Selbstorganisation und Potenzialentfaltung stehen. Versuchen
wir, dafür gute Bedingungen zu schaffen, statt die alten Muster
zu zementieren.
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