# taz.de -- die sache ist: Melancholische Verdopplung
> Eine Kopie lässt tiefer blicken als jedes Original. Das beweist das
> Bremer Overbeck-Museum
IMG Bild: Bild: Fritz Overbeck
Liebhaber*innen traurigschöner Geschichten [1][kommen hier genauso wie
Differenzdenker*innen auf ihre Kosten]. Denn das Bild des Monats
September, das Direktorin Katja Pourshirazi am Donnerstag den
Besucher*innen des Bremer Overbeck-Museums vorstellt, ist als Kopie ein
Original. Und seine Geschichte ist ein echter Roman.
Im Dezember 1908 besucht [2][der Worpsweder Künstler Fritz Overbeck seine
lungenkrank in der Schweiz kurende Frau Hermine], auch Künstlerin. Er malt
dort das Bild „Davos-Dorf in leuchtender Abendsonne“. Ein halbes Jahr
später wird sie als geheilt entlassen, pures Glück! Am 5. Juni kommt sie im
Flachland an – und drei Tage später fällt er um und ist tot. Schlaganfall.
Mit 39. Die Repliken dieser und zwei weiterer Gebirgswinterlandschaften
erstellt sie, als es eine Kaufanfrage für sie gibt, „vermutlich, um sich
nicht von dem Gemälde trennen zu müssen“, sagt Pourshirazi der taz.
Es lässt sich als Trauerarbeit deuten, wie sich Overbeck-Rohte die Malweise
ihres Mannes anverwandelt hat. Es kann aber auch [3][als Preisgabe des
Eigenen verstanden werden], eine Selbst-Übermalung: Schon vor Fritz’Tod
hatte Hermine ihr eigenes Schaffen hintangestellt. Nach ihm widmet sie sich
fast ausschließlich der Vermarktung seines Œuvres. Die Kopie wäre dann eine
Art der Verehrung. Die winzigen Unterschiede – eine um Zentimeter kleinere
Leinwand, das Fehlen einer Signatur – passen dazu. „Sie sorgt so dafür,
dass ihr Bild nicht mit dem Original von Fritz verwechselt wird“, sagt
Pourshirazi. „Sie will ihn ja nicht fälschen.“
Die gegenwärtige Ausstellung, die in erster Linie Berg-Ansichten der im
Wallis lebenden Bremer Künstlerin Katrin Ullmann gewidmet ist, zeigt auch
das doppelte Davos der Overbecks. Dadurch ermöglicht sie allen, das
Unterschiede-Suchspiel für sich selbst zu betreiben: Ist bei Hermine die
Schneedecke nicht plastischer als bei Fritz, und weniger kaltblau
verschattet? Ist eine Kopie, die sich durch Abweichungen als Kopie zu
erkennen gibt, nicht bereits ein neues Original?
Mindestens wird das durch sie verändert: Der Nachvollzug der Bewegung des
anderen erweitert im Akt des Kopierens die gar nicht so herausragend
reizvolle Landschaft um eine im ursprünglichen Sinn des Wortes magische
Dimension: Jede Kopie überschreitet sowohl die zeitlichen als auch die
räumlichen Kontexte des ursprünglichen Werks. Jede Kopie ist übergriffig.
Unerlaubt, als Plagiat, verletzt sie Persönlichkeitsrechte. Sie kann aber
auch vergöttern und verherrlichen. Auch die Nachahmung „alter Meister“ als
die kunsterzieherische Praxis schlechthin tendiert stets zur rituellen
Beschwörung, aus der heraus, wenn es denn gelingt, das Eigene tritt. Ach du
grüne Neune! Kopieren ist ja total mystisch!
Es ist also beinahe unheimlich, dass Copy und Paste längst zur
alltäglichsten Betätigung geworden ist, eine Beschleunigungsformel für
Inhalte, die nur [4][technisch, nicht aber gedanklich reproduziert werden]:
Vom kognitiv-intellektuellen Aufwand nähert sich die auralose Kopie der
völligen Auslöschung, also mit Glück dem Nirwana. Damit lässt sich nichts
mehr anfangen, außer Pop-Art.
Der Empfänger der Davos-Kopie, der [5][Hamburger Staatsanwalt Doktor
Hermann Hübbe], der sich doch das Original gewünscht hatte, scheint dagegen
für die Kunst der minimalen Abweichung empfänglich gewesen zu sein: „Sie
haben ja Künstleraugen“, schildert er im Dankesbrief der „lieben Frau
Overbeck“ seine Empfindungen beim Betrachten des Duplikats, „und ich sehe
so gern durch Ihre Augen“.Benno Schirrmeister
11 Sep 2025
## LINKS
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DIR [4] https://www.textlog.de/benjamin/abhandlungen/kunstwerk-zeitalter-reproduzierbarkeit/kunstwerk-reproduzierbarkeit
DIR [5] https://pdf.sub.uni-hamburg.de/kitodo/PPN1012344886_19150508.pdf
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