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       # taz.de -- Hypnotische Repetitionen
       
       > BUCHPREMIERE In „Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops“ geht
       > Tilman Baumgärtel der Frage nach, wie das Prinzip endloser Wiederholungen
       > zu einem prägenden künstlerischen Gestaltungsmittel von heute wurde
       
       VON PHILIPP RHENSIUS
       
       Wir leben in einer Welt aus Loops, aus Endlosschleifen und Wiederholungen.
       Jeden Tag dreht sich die Erde um ihre eigene Achse, Radios spucken die
       immer gleichen Popsongs aus, während im Newsbalken auf N24 unablässig x-mal
       gelesene Sätze aneinandergereiht werden, bis selbst die schockierendsten
       Nachrichten zu Worthülsen verkommen.
       
       Loops sind heute ein zentraler Bestandteil unseres Alltags und der Kultur,
       vor allem in der Musik. Doch wie kam es dazu, dass diese Schleifen, wie sie
       übersetzt etwas unbeholfen heißen, allgegenwärtig wurden? taz-Autor Tilman
       Baumgärtel hat sich näher mit dieser Frage beschäftigt – und mit
       „Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops“ eine Art Grundlagenwerk
       geschrieben, das am Mittwoch in der Buchhandlung Pro qm vorgestellt wird.
       
       Der promovierte Medienwissenschaftler Baumgärtel konzentriert sich in
       seinem Buch auf den Loop als künstlerisches Gestaltungsmittel, das sich
       spätestens in den 1970er Jahren zu einem prägenden ästhetischen Konzept
       entwickelt hat – gerade in der Musik.
       
       Baumgärtel nimmt einen Besuch im Techno-Club Berghain als Ausgangspunkt
       seiner Überlegungen – jenen Pilgerort für alle, denen ein guter Loop heilig
       ist. Dort, zwischen den Hunderten von tanzenden Körpern, dem Cocktail aus
       Bass, Beats und Ekstase, passiert unter dem Einfluss musikalischer Loops
       etwas, das die Sicht auf die Welt verändert: „Die Gedanken verfangen sich
       in diesen Schleifen, der Körper wird von ihnen eingesponnen, beginnt sich
       in ihrem Takt zu bewegen“, schreibt Baumgärtel.
       
       ## Alltag auf Tonband
       
       Im Zentrum des Buchs stehen aber weniger die ekstatischen Momente als eine
       Kulturgeschichte des Loops, deren Anfang Baumgärtel auf kurz nach dem
       Zweiten Weltkrieg datiert. In dieser Zeit begann der französische Komponist
       Pierre Schaeffer mithilfe von Tonbändern aus Alltagsgeräuschen eigenwillige
       Stücke zu komponieren – und war damit der Erste, der Alltagsklänge als
       Loops in Musik verwandelte. Seine „Etüde über die Eisenbahn“ von 1948, in
       der repetitive Motorengeräusche, das Ruckeln der Waggons und quietschendes
       Metall zu einer atonalen wie rhythmischen Musique-concrète-Komposition
       werden, war quasi die erste loop-basierte Musik überhaupt.
       
       Es vergingen aber noch einige Jahre, bis sich der „Wille zur Wiederholung“
       innerhalb der Künste weiter verbreitete. In den 1960er Jahren entwickelten
       Komponisten wie Terry Riley und Steve Reich schließlich eine Musik, die
       aufgrund der radikalen Wiederholung von kurzen Motiven seither als Minimal
       Music firmiert.
       
       Parallel erfand Raymond Scott neue elektronische Instrumente wie das
       „Electronium“ und den Sequenzer, welche die Arbeit mit Loops vereinfachten.
       Und in der Popmusik machte sich unter anderem der Psychedelic Rock die
       hypnotische Wirkung von Repetition zu eigen.
       
       Aber auch aufseiten der bildenden Künste wuchs das Interesse an Loops. Nam
       June Paik, Begründer der Medienkunst, und der Objektkünstler Peter Roehr
       begannen, in ihren Filmen mit Reihungen von Formen und Farben zu
       experimentieren. Ihre Arbeiten waren, ähnlich wie die von Schaeffer,
       Reflexionen einer Welt, die zunehmend von der serienhaften Warenproduktion
       bestimmt war. Gemeinsam war ihnen die Suche nach Wahrnehmungsformen wie
       Immersion und Ekstase – was später in Musikstilen wie Disco, HipHop, House
       und Techno kulminierte, in denen Loops zum Kompositionsprinzip schlechthin
       wurden.
       
       Doch der Weg dahin war gesäumt von harten kulturellen Grabenkämpfen. Als
       prominenten Loop-Feind führt Baumgärtel immer wieder Adorno an, der in der
       von Wiederholungsprinzipien geprägten Popkultur der 1960er und 70er nichts
       anderes als eine kapitalistische Verwertungslogik und die Gefahr einer
       kulturellen Homogenisierung sah. Dass solche Kritik heute noch Berechtigung
       hat, daran wird man erinnert, wenn man etwa in einer Telefonwarteschleife
       festhängt, in der gequälte Synthie-Saxofone gnadenlos immer wieder dieselbe
       Melodien herunterleiern.
       
       ## Quelle der Imagination
       
       Doch der Siegeszug des Loops war nicht aufzuhalten. Für Baumgärtel war der
       Wendepunkt mit dem Beginn der Postmoderne erreicht, die mit dem „Ende der
       großen Erzählung“ (Jean-François Lyotard) und dem Ende einer linearen
       Geschichtsschreibung einherging. Was eine gute Voraussetzung dafür war,
       Loops als Quelle der Imagination zu verstehen. Der Wiederholung eine
       „Differenz zu entlocken“, wie der französische Philosoph Gilles Deleuze
       schreibt, ist eine intellektuelle Herausforderung.
       
       13 May 2015
       
       ## AUTOREN
       
   DIR PHILIPP RHENSIUS
       
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