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       # taz.de -- Solo für eine einsame Frau
       
       > NACHRUF Der afroamerikanische Saxofonist Ornette Coleman befreite den
       > Jazz vom Zwang zur Repräsentation. Und leitete 1958 eine neue
       > Zeitrechnung ein
       
       VON FRANZISKA BUHRE
       
       Die Wiedererkennbarkeit eines individuell geformten Tons ist für
       Jazzenthusiasten so essenziell wie das Mundstück für die Saxofonisten. Bei
       Ornette Coleman ist dieser Lustgewinn bereits in Sekundenbruchteilen
       gegeben, noch bevor man von Hinhören sprechen könnte. Sein Ton auf dem
       Altsaxofon klingt einzigartig, sprunghaft und lyrisch zugleich, sodass wir
       uns sofort inmitten der Musik wähnen. Völlig unabhängig von Vorkenntnissen
       oder Konzerterfahrungen.
       
       Im über 50 Jahre währenden Schaffen von Ornette Coleman gibt es zahlreiche
       Höhepunkte, etwa sein zum Standard gewordenes Stück „Lonely Woman“ vom
       Album „The Shape of Jazz to Come“ (1959). Trotz gewagt anmutender
       Eskapaden, ungewöhnlicher Besetzungen und kühner Klangexperimente ist
       Coleman aber für sein Gesamtwerk zu charakterisieren. Er ist dabei stets
       ein nahbarer Musiker geblieben. Grund dafür ist Colemans unbeirrbares
       Vertrauen in die Emotion als Schlüssel zum Klang.
       
       Am 9. März 1930 kommt er in Fort Worth, Texas zur Welt. Als Heranwachsender
       lauscht er lokalen R&B-Combos, in denen er ab 1946 auch spielt. Zu jener
       Zeit dringt der neue, atemlose Bebop aus New York bis nach Texas, und
       Coleman bringt sich diesen Stil durchs Nachspielen aller Solos von Charlie
       Parker selbst bei. Eines Abends denkt er beim Spielen nicht mehr an
       Tonarten und Akkorde, sondern folgt dem, was er dabei hört und fühlt. Er
       wird gefeuert und zieht daher nach Los Angeles, wo er als Fahrstuhlführer
       arbeitet und die Dichterin und Sängerin Jayne Cortez heiratet und
       gelegentlich bei Jamsessions einsteigt.
       
       Die Schlagzeuger Ed Blackwell und Billy Higgins, der Trompeter Don Cherry
       und der Bassist Charlie Haden lassen sich als Erste darauf ein, dass
       Coleman seine Stücke ganz anders spielt, als er sie aufgeschrieben hat. Ihr
       Debütalbum, „Something Else!!!! The Music of Ornette Coleman“, erscheint
       1958. Drei weitere Alben folgen, bevor Coleman 1959 nach New York geht und
       dort mit seinem Quartett für Aufsehen sorgt. Eine ihrer Sessions wird zur
       Zeitenwende und sorgt bis heute für Missverständnisse: „Free Jazz“, 1960
       mit zwei Schlagzeugern, zwei Bassisten, zwei Trompetern, Coleman und seinem
       Zeitgenossen Eric Dolphy auf dem Altsaxofon eingespielt, ist zwar eine bis
       dato unerhörte Improvisation im Kollektiv, in der Besinnung auf einen
       gemeinsamen Puls aber auch wieder frei für die Rückbesinnung auf eine
       Tradition aus den Anfängen des Jazz in New Orleans. Für sein Bekenntnis zum
       instinktiven Gefühl von Klang, der nicht durch Wissenserwerb oder als
       Stilistik entsteht – Melodien können darin unabhängig von Formen wachsen –,
       prägt Coleman den Begriff „Harmolodics“. In den Siebzigern spielt er auch
       Geige und Trompete und lässt seinen zehnjährigen Sohn Denardo als
       Schlagzeuger bei Aufnahmen und ab 1975 im Free-Funk-Ensemble Primetime
       mitwirken.
       
       Sowenig Coleman zeitlebens darauf gibt, zu beeindrucken und sein Image zu
       pflegen, so sehr weist sein Streben, menschliches Wissen aus der
       Repräsentation zu befreien, über sich selbst hinaus. Diese undogmatische
       Haltung zur Kunst wird fehlen – nicht nur im zeitgenössischen Jazz. Am
       Donnerstag ist Ornette Coleman im Alter von 85 Jahren in New York an
       Herzversagen gestorben.
       
       13 Jun 2015
       
       ## AUTOREN
       
   DIR FRANZISKA BUHRE
       
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