# taz.de -- heute in bremen: „Viele haben ihre Stellen reduziert“
Interview Lotta Drügemöller
taz: Frau Müller, Sie demonstrieren heute vor dem Klinikum Mitte. Dabei
sind Pflegekräfte jetzt doch Held*innen, freut Sie das nicht?
Ariane Müller: Wenn es so wäre. Wir sind angebliche Helden. Am Anfang der
Coronapandemie wurde oft gesagt, dass wir systemrelevant sind. Von der
Politik gab es dann das Versprechen, dass alle Pflegekräfte 1.500 Euro
kriegen.
Klingt gar nicht so schlecht.
Es wäre keine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, aber eine kleine
Wertschätzung für unsere systemrelevante Arbeit. In Wirklichkeit gibt es
das Geld aber gar nicht für alle. Nur Altenpfleger*innen bekommen den
Bonus. Wir fordern die 1.500 Euro für alle Krankenhausbeschäftigten, auch
für das Reinigungspersonal.
In vielen Krankenhäusern wurden zuletzt weniger Fälle behandelt, weil OPs
verschoben wurden. Warum brauchen Sie also einen Zuschlag?
Der Stress war größer als sonst, das ganze System musste sich umstellen.
Wer zwischen den Stationen wechselte, musste sich ständig umziehen. Unter
den Schutzkitteln schwitzt man fürchterlich, das Arbeiten damit ist eine
Qual. Und viele Coronafälle hatten eine Eins-zu-eins-Betreuung, für die
anderen Patient*innen waren dann weniger Pflegekräfte zuständig.
Ist jetzt alles wieder besser?
Jetzt haben wir mehr Patienten als sonst, weil die kommen, deren
Operationen verschoben wurden. Schlimmer ist aber, dass die
Personaluntergrenzen immer noch nicht gelten. Die wurden während der Krise
aufgehoben, bis zum Ende des Jahres. Normalerweise sollen auf der
Intensivstation tagsüber 2,5 Patienten auf eine Pflegekraft kommen. Das ist
schon zu viel. Jetzt gerade kommen auf unserer Station manchmal bis zu vier
auf eine Pflegekraft.
Reicht es, wenn Sie sich mit Ihrer Forderung nach einmalig 1.500 Euro
durchsetzen?
Die Gewerkschaft fordert natürlich noch mehr: Dauerhaft muss der Lohn um
500 Euro angehoben werden. Außerdem wollen wir eine angemessene
Infektionszulage, und vor allem bessere Arbeitsbedingungen auf den
Stationen. Dafür braucht es eine bedarfsgerechte gesetzliche
Personalbemessung.
Wo soll das Personal herkommen?
Das ist es: Es gibt nicht genug. Viele haben in den letzten zehn Jahren
aufgehört oder ihre Stelle reduziert, weil die Lage so schlimm ist. Es
sollte also im Sinne der Arbeitgeber sein, die Bedingungen zu verbessern.
Aber bisher bieten die kommunalen Arbeitgeber null Prozent mehr. Null – das
macht die Leute total wütend.
15 Jul 2020
## AUTOREN
DIR Lotta Drügemöller
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