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       # taz.de -- „Der Norden ist ein guter Platz für uns Sinti“
       
       > Drei der Opfer von Hanau waren Roma. Warum das nicht unwichtig ist und ob
       > die Stimmung sich gegenüber Sinti und Roma verändert hat, spricht
       > Roxanna-Lorraine Witt, Sintezza und Aktivistin
       
       Interview Juliane Preiß
       
       Frau Witt, Sie haben nach dem Anschlag von Hanau Medienberichte kritisiert,
       in denen gesagt wurde, die Opfer hatten alle Migrationshintergrund. Wieso? 
       
       Roxanna-Lorraine Witt: Ich möchte auf eine Hierarchisierung der Wertigkeit
       von Leben hinweisen, ohne sie selbst vorzunehmen: Warum wurde in den Medien
       berichtet, die Getöteten haben alle Ausländeranteil, das sind Migranten?
       Die Romni Mercedes Kierpacz, zum Beispiel, war eine Deutsche. Deren
       Familienmitglieder standen schon auf den Deportationslisten für
       Konzentrationslager der Nazis. Und im Moment ihres Todes wird ihr als
       Überlebende des Holocaust der deutsche Status aberkannt. Das ist ein
       Unding.
       
       Was stört Sie genau? 
       
       Roma-Sein und Deutsch-Sein schließt sich nicht aus, es ist die
       Lebensrealität der deutschen Rom*nja und Sinte*zze. Wenn die Gruppen der
       deutschen Sinte*zze und Rom*nja nicht als Deutsche anerkannt werden,
       nachdem sie seit 700 Jahren das Miteinander in diesem Land und in Europa
       mitgeprägt haben, nicht mal in ihrem Tod, wer dann? In den Medien wird der
       Verlust nicht-weißen Lebens als minderwertiger Tod porträtiert. In diesem
       Fall diente es zudem dazu, das Gefahrenpotenzial auf eine bestimmte Gruppe
       zu reduzieren, doch die Wahrheit ist: Ob mit oder ohne
       „Migrationshintergrund“, alle Menschen mit dunklem Haar oder gebräunter
       Haut können potenzielle Opfer sein, und dafür steht der Tod einer Deutschen
       in Hanau. Aber nicht nur das.
       
       Was noch? 
       
       Ich war in Bremen auf der Demo einen Tag nach dem Anschlag und habe neben
       anderen Aktivistinnen das Mikro ergriffen. Ich war fassungslos, als später
       bei Ansprachen etliche Gruppen und Minderheiten aufgezählt wurden, aber
       nicht Rom*nja und Sinte*zze. Noch mal: Meine Intention ist es nicht, Opfer
       zu hierarchisieren, aber uns gar nicht zu erwähnen, geht eben nicht.
       
       Haben Sie Angst? 
       
       Natürlich haben wir Angst. In den ersten Tagen nach dem Anschlag war ich
       voller Todesangst. Mittlerweile habe ich das Ganze schon etwas verkraftet,
       aber etwas bleibt. Es gibt Menschen, die denken über ihre Flucht aus
       Deutschland nach und machen konkrete Pläne.
       
       Würden Sie sagen, dass die Anfeindungen gegenüber Sinte*zze und Rom*nja in
       Deutschland stärker wurden? 
       
       Das würde ich so nicht sagen. Die Gewalt- und Vernichtungsfantasien in den
       einschlägigen rechten Netzwerken finden Sie von 2002 oder von gestern. Der
       Unterschied ist aber: Mit dem Aufkommen der AfD hat sich etwas geändert.
       Mit ihrer Sprache hat die AfD wieder etwas salonfähig gemacht, was vorher
       tabuisiert war. Rassismus gegen uns war aber immer da. Und das wird sich
       auch nicht ändern, bis wir eine kontinuierliche Aufklärung haben. Das
       Grundproblem, warum wir Sinte*zze und Rom*nja immer die „ewigen Fremden“
       bleiben, ist, dass die Leute nie etwas von uns hören. Wenn man Minderheiten
       in Geschichtsbüchern und Unterricht nur unter ferner liefen behandelt, dann
       muss man sich auch nicht wundern, wenn die Mehrheitsgesellschaft diese
       Menschen als Fremde wahrnimmt. Die Medien tragen da übrigens ihren Teil zu
       bei.
       
       Inwiefern? 
       
       In den Medien werden sehr viele Lügen über unsere Minderheit verbreitet. Es
       gibt mittlerweile unendlich viele frei zugängliche Publikationen, von der
       Bundeszentrale für politische Bildung oder auch dem Zentralrat der Sinti
       und Roma. Wenn Journalist*innen dann nur eine oberflächliche
       Google-Recherche betreiben und sich nur die Dinge rauspicken, die in ihr
       vorurteilsbehaftetes Weltbild passen, um Artikel über uns zu verfassen oder
       Reportagen zu drehen, dann muss ich davon ausgehen, das man die Sinti und
       Roma bewusst in ein schlechtes Licht rücken will. Menschen wie ich, die
       Sinti oder Roma sind, studiert haben und politisiert sind, bekommen keine
       Anfragen für Reportagen von Bild oder Pro7. Das erweckt den Anschein, dass
       wir überhaupt nicht existieren.
       
       Sind Sie selbst betroffen von Alltagsrassismus? 
       
       Ich bin privilegiert, für eine Sintezza habe ich relativ weiße Haut, habe
       meine braunen Haare blond gefärbt. Ich erfahre Rassismus auf anderen
       Stufen, wenn ich mich zu meiner Minderheit bekenne.
       
       Wie? 
       
       Beleidigungen ziehen sich durch all meine Lebensbereiche, als Schülerin
       habe ich 450-Euro-Jobs im Verkauf nicht bekommen, weil gesagt wurde: Wir
       wollen hier keine Leute, die stehlen. Beim Daten, wenn ich sage: Ich bin
       Sintezza, kommt: Mit dir kann ich mich nicht treffen, du wirst sowieso
       zwangsverheiratet.
       
       Sie haben in Bremerhaven Marine Biotechnologie studiert, sind dort häufig.
       Wie würden Sie die Situation im Norden einschätzen? 
       
       Der Norden ist ein guter Platz für uns Sinti und Roma. Die Verbände in
       Bremen und Bremerhaven arbeiten sehr eng zusammen und haben sich hier gut
       etabliert. Die Region ist sozialdemokratisch geprägt, das macht sich auch
       in der Stimmung gegenüber uns bemerkbar. Natürlich gibt es auch Neonazis im
       Norden, aber die wurden sehr deutlich ausgegrenzt. Ich habe in Bremerhaven
       immer das Gefühl, hier gibt es Leute, die bereit sind, mich zu schützen.
       Trotzdem gibt es institutionellen Rassismus.
       
       In welcher Form? 
       
       Ich habe während meines Studiums an Algen geforscht. Ich war der
       glücklichste Mensch der Welt, das wollte ich immer tun, den Klimawandel
       aufhalten durch erneuerbare Technologien. Auf meiner ersten Forschungsreise
       wurde ich von meinem Dozenten gefragt, woher ich „wirklich“ komme. Als ich
       sagte, ich sei Sintezza, wusste dieser mir wohlgesonnene Mensch, der den
       höchsten Grad an möglicher akademischer Bildung besitzt, nicht, was das
       sein soll, bis er dann mit einem Mal „Ach, Zigeuner!“ ausrief. Da ist mir
       bewusst geworden, dass in dieser Welt für mich kein Platz ist, bis sich die
       Verhältnisse ändern.
       
       7 Mar 2020
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Juliane Preiß
       
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