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       # taz.de -- nordđŸŸthema: Von Kinderliedern und Erwachsenenmusik
       
       > Kinder haben eine klarere Vorstellung, wie Musik zu sein hat, als viele
       > Eltern denken. Selbst Free Jazz können manche Kinder etwas abgewinnen. Um
       > besonders viele CDs und Konzertkarten zu verkaufen, spielen Musiker*innen
       > so, dass auch Erwachsene etwas damit anfangen können
       
   IMG Bild: Wissen, wie man Kinder und Erwachsene auf die Konzerte bekommt: Die Hamburger Band Deine Freunde trat 2017 in einer Bremer Grundschule auf
       
       Von Lotta DrĂŒgemöller
       
       Sie sind alle noch da: Alle meine Entchen schwimmen weiterhin auf ihrem See
       und selbst das kranke HĂ€schen in der Grube siecht nicht so sehr dahin, dass
       es nicht gleich wieder fröhlich durch die Amazon-Bestsellerliste hĂŒpfen
       könnte. Die Traditionalisten können also aufatmen, wenn sie einen Blick auf
       die bestverkauften Kinderlieder wagen.
       
       Kindermusik ist ein riesiges GeschÀft, und es wÀchst in seiner Bedeutung:
       Die deutsche Musikindustrie hat 2018 zehn Prozent ihrer UmsĂ€tze – das sind
       158 Millionen Euro – mit Kinderprodukten gemacht. 2009 waren es noch 6,1
       Prozent.
       
       Bei all der Auswahl sind, wie gesagt, die Klassiker nicht totzukriegen.
       „Ich denke, es kann fĂŒr ganz junge Kinder Sinn machen, wenn Musik klar
       strukturiert ist, melodisch leicht erfassbar, wenn es den Tonraum einer
       Quinte nicht ĂŒberschreitet“, erklĂ€rt Veronika Busch, Musikwissenschaftlerin
       an der Uni Bremen die anhaltende PopularitĂ€t. „Das macht es dem Kind
       leichter, eine Ordnung zu erkennen. Zu einem klaren Rhythmus können sie
       sich leichter bewegen.“ „Alle meine Entchen“ etwa bietet bei aller
       Einfachheit einen klaren Vorteil: Schon Kleinstkinder können die Melodie
       erfassen und mitsingen.
       
       Trotzdem will die Musikwissenschaftlerin den musikalischen Einfluss auf
       Kinder auf keinen Fall auf diese Art Lieder beschrĂ€nkt wissen: „Man lĂ€uft
       eher Gefahr, Kinder zu unterschĂ€tzen als zu ĂŒberschĂ€tzen“, sagt Busch. „Ein
       Lied darf nicht unterkomplex sein, sonst langweilt man sich schnell.“ Ein
       gutes Kinderlied, das lebe von einer gut erfassbaren Melodie und von der
       Möglichkeit, dazu zu tanzen – „eigentlich das, was einen guten Popsong
       ausmacht – und der sollte auch zwischendurch mal ĂŒberraschen“.
       
       Die Parallele zu Popsongs dĂŒrfe viele Eltern nicht wundern: Der dreijĂ€hrige
       Rio singt gern Purple Rain, der fĂŒnfjĂ€hrige Theo ist Stereo-Totale-Fan,
       Sophie hört mit ihren vier Jahren neben Heidi auch gern Santiano und Roger
       Cicero.
       
       Die Frage steht also im Raum: Brauchen Kinder ĂŒberhaupt eigene Musik? Rolf
       Weinert ĂŒberlegt nur kurz, dann erzĂ€hlt er eine Anekdote. Seit 1992 macht
       der Oldenburger mit den „Blindfischen“ Kindermusik. Als er das damals einem
       Musikerkollegen aus den USA erzÀhlt habe, so erinnert sich Weinert, habe
       der nur gefragt: „Was soll das sein, Musik fĂŒr Kinder? Musik ist doch fĂŒr
       alle da.“„NatĂŒrlich hatte der völlig recht“, findet Weinert, „aber die
       Themen, die mĂŒssen sich halt an der Erlebniswelt der Kinder orientieren.“
       Was das ist, wird stets neu definiert.
       
       Im 18. Jahrhundert war es vor allem eine Welt, in der sich Kinder auf das
       Erwachsenwerden vorzubereiten hatten. Im 19. Jahrhundert entwarf der
       populÀre August Heinrich Hoffmann von Fallersleben eine heile
       Kinderliedwelt voller summender Bienchen und blĂŒhender Blumen. In
       Kriegszeiten diente das Kinderlied zur Rekrutierung und Einnordung neuer
       KrÀfte und ab den Sechzigerjahren wurde das Kind von der MusikpÀdagogik zu
       Bewegungsspielen verleitet und von Alternativen als emanzipiertes Subjekt
       zur Weltverbesserung entdeckt.
       
       Die Oldenburger Blindfische selbst waren bei ihrer GrĂŒndung Anfang der
       Neunzigerjahre noch Exoten auf dem Kindermusikmarkt. „Rockmusik fĂŒr Kinder,
       davon gab’s deutschlandweit vielleicht eine Handvoll“, erinnert sich
       Weinert. Doch die Szene habe sich verĂ€ndert – das habe er nicht nur als
       Musiker beobachtet, sondern seit 18 Jahren auch als Organisator des
       Oldenburger Kindermusikfestivals. Genres fĂŒr Erwachsene spiegeln sich immer
       mehr in der Kindermusik: EinflĂŒsse aus Pop und Rock, Punk und Techno, Rap
       und Weltmusik spielen eine immer grĂ¶ĂŸere Rolle. Ein großer Teil dieser
       neuesten Kindermusik ist, wie könnte es anders sein, in Berlin entstanden.
       Suli Puschban spricht mit dem rockigen „Ich hab die Schnauze voll von Rosa“
       sicher einigen Eltern aus dem Herzen.
       
       Mit ungewöhnlichen Rhythmen und Instrumenten erweitern „Wir Kinder vom
       Kleistpark“ die Kindermusikpalette in Richtung Weltmusik. Und Bummelkasten
       macht dort, wo Rolltreppenmax seine Klopapierrollen hortet, mit Beatboxing
       und lustigen Videos selbst Kindermelodien des alten Stils wieder
       ertrÀglich.
       
       Der Norden spielt aber weiterhin seine Rolle in dieser Entwicklung. Es war
       der Hamburger Oetinger-Verlag, der 2015 Musiker von Olli Schulz ĂŒber Bela B
       und Laing animierte, sich fĂŒr „Unter meinem Bett“ an Kindermusik zu wagen.
       Herausgekommen sind auf mittlerweile fĂŒnf Alben relevante Texte und, ja,
       ernstzunehmende Musik.
       
       Prominentestes Beispiel fĂŒr die neueste Kindermusik sind ganz bestimmt
       Deine Freunde. Die rappenden Hamburger scheinen selbst extrem viel Spaß zu
       haben, wenn sie Omas Schublade auf Schokolade reimen und bieten mit
       Refraintexten wie „Schatz, ich unterhalt mich gerad“ vor allem den Eltern
       selbstironischen Anlass zum Lachen.
       
       Es ist kein Wunder, dass heutzutage diese Art Musik an Bedeutung gewinnt –
       schließlich hat sich auch das VerhĂ€ltnis von Eltern und Kindern noch einmal
       sehr verÀndert. Es gibt mehr Eltern, die mit ihren Kindern Dinge
       unternehmen wollen, gemeinsam.
       
       Die Lebenswelt von Kindern kann aber anstrengend sein, zu anstrengend, wenn
       sie ausschließlich aus niedlichen Sternen und frechen HeinzelmĂ€nnchen
       besteht.
       
       Und so haben die neuen Kinderliedermacher gemein, dass in den
       Produktbeschreibungen fast immer damit geworben wird, wie wenig die Musik
       nervt, wie sehr sie fĂŒr Eltern geeignet ist.
       
       „Kinder kommen nicht allein auf Konzerte“, weiß Weinert von den
       Blindfischen. „Die Eltern sind immer eine HĂŒrde, ĂŒber die man rĂŒber muss.
       Wenn die Erwachsenen was geil finden, gehen die mit den Kindern da hin.“
       
       Und dann? Dann kommt es darauf an, auch die junge Seite zu ĂŒberzeugen. Das
       geht auf Live-Konzerten nicht einfach mit den Songs, glaubt Weinert:
       „Kinder gehen nicht auf Konzerte, um Musik zu hören. Die wollen Teil der
       Show sein.“ Mitsingen kann dazu gehören, bestenfalls aber noch mehr Action:
       „Beim Fußballlied lĂ€uft unser Bassist als riesiger Schaumstoffball durch
       die Menge, da brĂŒllen die Kinder.“
       
       SpÀtestens aber mit der PubertÀt bekommt Musik eine andere Bedeutung, zur
       Abgrenzung, zur IdentitÀtsfindung. Doch eigentlich, so
       Musikwissenschaftlerin Busch, beginnt diese Phase schon viel frĂŒher: „Wir
       haben fĂŒr eine Studie Grundschulkinder befragt. AuffĂ€llig war, dass
       besonders Jungen, und das galt ab der ersten Klasse, immer gesagt haben:
       ,Rockmusik, das ist meins, das ist cool.’ Da hatte die identitĂ€tsbildende
       Funktion von Musik schon eingesetzt.“
       
       Auch Ulrike Schwarz weiß, das Kinder nicht automatisch so „offenohrig“
       sind, wie es ihnen von der MusikpĂ€dagogik nachgesagt wird. „Das stimmt so
       nicht. Kinder haben schon frĂŒh eine klare Vorstellung davon, wie Musik zu
       sein hat. Improvisierter Jazz gehört beim ersten Hören nicht unbedingt
       dazu“, sagt sie. Die Dozentin an der Frankfurter Hochschule fĂŒr Musik hat
       in Bremen gerade auf der Jazzahead! ein Seminar dazu abgehalten, wie
       Kindern Jazz vermittelt werden kann.
       
       Auf den ersten Blick bringt diese Musikrichtung nicht viel fĂŒr Kinder mit:
       Das EingĂ€ngige geht freiem Jazz oft ab. „DafĂŒr bringt er aber per se das
       Spielerische und Freie mit“, glaubt Schwarz. „Das Motto ist doch: Wir
       machen was gemeinsam und jeder kann sich selbst darin frei ausdrĂŒcken.“
       
       Ein Jazz-Konzert wĂŒrde sie Kindern dennoch nicht unvermittelt zumuten, sagt
       Schwarz. Ähnlich wie Weinert glaubt auch sie, dass Kinder bei Konzerten vor
       allem aktiv beteiligt werden mĂŒssen. Die beste Vorbereitung sei es, wenn
       sie im Vorhinein selbst die Gelegenheit bekÀmen, gemeinsam mit KlÀngen zu
       improvisieren. „Beim Sprechen darĂŒber kommt ganz viel neues VerstĂ€ndnis fĂŒr
       Musik auf.“ Was hat ĂŒberrascht? Hat jemand die Melodie eines anderen
       aufgenommen? Waren KlÀnge laut oder leise, GerÀusche hell oder dunkel?
       „Wenn Kinder einmal so gearbeitet haben, können sie auch Jazzmusik was
       abgewinnen – sie erkennen dann Strukturen wieder.“
       
       FĂŒr Busch ist diese Art, den musikalischen Horizont zu erweitern, wichtig.
       „Kinder werden durch das elterliche Vorbild einer bestimmten Musikkultur
       mehr ausgesetzt als anderen“, sagt die Musikwissenschaftlerin.
       Institutionen wie Kitas und Grundschulen mĂŒssten Musikstile vorstellen. „Es
       geht nicht darum, alle Kinder zu Klassik oder Popmusik zu treiben, aber sie
       mĂŒssen wissen, was es gibt. Nur so können sie Zuhören lernen und
       entscheiden: GefĂ€llt mir oder nicht.“
       
       17 Aug 2019
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Lotta DrĂŒgemöller
       
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