# taz.de -- Verschluckt vom Dienstleistungsgewerbe
> Eine Verkäuferin möchte so gut funktionierenwie der Fluss der Waren im
> Supermarkt:„Die Ladenhüterin“ von Sayaka Murata
Von Katrin Bettina Müller
Man stelle sich eine weiße Pappschachtel vor, innen hell erleuchtet, mit
Geräuschen, Musik und Stimmen gefüllt, mit leckeren Düften und höflichen
Menschen. Außen aber ist Wirrnis, Dunkelheit, Nichteinzuordnendes. In solch
einer Schachtel spielt der Roman „Die Ladenhüterin“ der japanischen Autorin
Sayaka Murata.
Ihre Ich-Erzählerin, Keiko, ist 36 und arbeitet seit 19 Jahren als
Supermarktsaushilfe in einem Konbini, der Tag und Nacht geöffnet ist. Hier
funktioniert sie, hier fühlt sie sich sicher; die Welt außerhalb aber
irritiert und beängstigt sie. Je fester die Erzählerin sich aber an die
Welt der antrainierten Freundlichkeit im Inneren des Ladens klammert, desto
neugieriger wird der Leser auf das Außen dieser Welt, auf das, was Keiko zu
dieser freiwilligen Reduktion auf ihre Funktion als Aushilfsverkäuferin
getrieben hat. Dieses Außen aber enthält der knapp und eben wie mit
absichtsvoll gesetzten Scheuklappen erzählte Roman dem Leser vor. Und das
kann ganz schön unzufrieden machen.
Das gilt für mich zumindest. Aber längst nicht für alle Leser des Romans.
In Japan erhielt die Autorin 2016, wie ihre Erzählerin 36 Jahre alt und als
Verkäuferin in einem Supermarkt arbeitend, für „Konbini Ningen“ den
renommierten Akutawaga-Literatur-Preis und verkaufte über eine halbe
Million Exemplare.
Dass die Autorin den Supermarkt als ideales Gelände für Figurenstudien
beschrieb, war dort in vielen Rezensionen zu lesen. Tatsächlich studiert
auch die Figur Keiko ihre Kollegen genau, ja sie imitiert sie, ahmt ihre
Stimmen nach, zitiert in Dialogen deren Sätze, orientiert sich an Haltung
und Gestus; sie schneidert sich eine zweite Haut aus den Mustern, die ihr
erfolgversprechend scheinen. Eine Haut, die sie davor schützen soll, durch
ihre soziale Andersartigkeit, die von ihrer Familie, nicht aber von ihr
selbst, als Mangel empfunden wird, aufzufallen.
Keiko empfindet, so beschreibt sie sich selbst, keine Empathie. In
Konfliktsituationen erscheint ihr Gewalt oft als praktischste Lösung. Lernt
aber, schon um nicht mit Therapien bedrängt zu werden, das zu verbergen.
Dass sie schließlich sogar einen unsympathischen Kollegen heiraten will,
nur um als Alleinstehende – die „Ladenhüterin“ – nicht aus der Norm zu
fallen, bringt ein wenig Bewegung in die Handlung des Romans.
Ihre Andersartigkeit bleibt das interessante Motiv des kurzen Romans. Nicht
nur, weil sie unerklärbar bleibt, sondern mehr noch, weil sich ein leiser
Verdacht einschleicht, eine Möglichkeit gerade im Nichterzählten doch mehr
zu hören als im Ausgesprochenen. Leidet Keiko an fehlender Empathie oder
leidet sie womöglich an fehlender Heuchelei? Ist ihre mühsam verborgene
Kälte nicht eigentlich ideal, um als Rädchen im Getriebe zu funktionieren?
Spiegelt sie nicht genau das, was die Gesellschaft verlangt? Liest man
nicht eigentlich eine Satire auf ein System, das den reibungslosen Fluss
von Waren und die Erzeugung von Bedürfnissen danach primär setzt? Wie
gesagt, das bleibt ein Verdacht.
Genährt wird er auch durch einen anderen Künstler aus Japan, den
Theaterregisseur Toshiki Okada, der vor vier Jahren ein viel durch Europa
tourendes Stück herausbrachte, „Super Premium Soft Double Vanilla Rich“.
Auch dort war der Schauplatz ein Tag und Nacht erleuchteter Supermarkt,
dessen Angestellte den Sinn und das Glück ihres Lebens unvermeidbar an den
Fluss der Waren gekoppelt sahen. Wie Keiko trainierten auch sie ständig,
Kopien von etwas anderem zu werden.
Wie das Dienstleistungsgewerbe den Menschen vereinnahmt und die
Persönlichkeit verschluckt, bis er sein Glück in der perfekten Anpassung
findet, scheint ein großes Thema in Japan zu sein.
14 Apr 2018
## AUTOREN
DIR Katrin Bettina Müller
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