# taz.de -- „Auf ihren eigenen Rhythmus hören“
> Mit sanftem Humor sinniert die französische Comiczeichnerin Aude Picault
> in ihrem Band „Ideal Standard“ aus weiblicher Perspektive über
> essenzielle Themen. Ein Gespräch über Liebe, Lust und die Suche nach sich
> selbst
IMG Bild: Foto: Rita Scaglia
Interview Elise Graton
taz am wochenende: Frau Picault, Claire, Ihre 32-jährige Protagonistin, ist
eine selbstständige Frau. Doch frei scheint sie nicht zu sein.
Aude Picault: Genau. Sie sehnt sich nach einem „geregelten“ Leben mit
festem Freund und Kind, weil das in ihrem Umfeld die Norm ist. Um so
schnell wie möglich ihrem Außenseitertum zu entkommen – denn so empfindet
sie ihre Lage –, lässt sie sich einiges gefallen, auch wenn es ihr nicht
gut tut.
Aus welcher Dringlichkeit ist die Geschichte entstanden?
Die gleichen Fragen, die Claire an sich zweifeln lassen, haben auch mich
beschäftigt. Ich fand keine Ruhe. So kam das Bedürfnis, das Thema in einem
Comic zu verarbeiten und es dabei ernsthaft anzugehen, anstatt Witze über
das Singledasein zu reißen.
„Ideal Standard“ liefert ein breites Bild von der ungleichen Beziehung
zwischen Frau und Mann in der modernen Gesellschaft. Auch Ihr Buch scheint
wie aus verschiedenen Puzzlestücken gebaut zu sein.
Ich führe Skizzenbücher über meine Obsessionen. Über die Jahre habe ich
etliche Szenen und Gespräche zeichnerisch festgehalten, die ich erlebt oder
beobachtet habe. Weil meine Fragen dadurch aber nicht beantwortet wurden,
habe ich mich zusätzlich in die Lektüre von wissenschaftlichen Werken
vertieft, wie zum Beispiel „Masculin/Féminin“ von Françoise Héritier, in
dem sie das Fundament der Hierarchie zwischen den Geschlechtern
anthropologisch untersucht. Das gesammelte Material aus konkreten Anekdoten
und theoretischen Konzepten habe ich dann karteikartenmäßig nach Themen
organisiert.
Welche zum Beispiel?
Sexualität, Mutterschaft, Arbeit, Resignation, Einsamkeit, Kinder,
Erziehung … sehr breite Themen. Dazu notierte ich Beobachtungen darüber,
wie Frauen formatiert werden. Und dann hat es noch eine ganze Weile
gedauert, bis ich das alles zu einer ultrabanalen Geschichte aus dem
täglichen Leben verdichten konnte.
Hatten Sie eine besondere Leserschaft vor Augen?
Ein Zielpublikum habe ich eigentlich nie, wenn ich schreibe. Allerdings
beschäftigt mich umso mehr die Lesbarkeit meiner Arbeiten. Sie müssen klar
und leicht zugänglich sein.
Sie sind bekanntermaßen ein großer Fan der nun 77-jährigen Karikaturistin
Claire Brétécher, und wie bei ihr gibt es bei Ihnen kaum eine Figur, die
besser dasteht als die anderen. Jedoch ist Ihr Ton weit weniger ätzend als
der Brétéchers.
Kürzlich habe ich darüber nachgedacht, wie hässlich Brétécher ihre Figuren
zeichnete und wie meine Generation wiederum dazu tendiert, alles so hübsch
und glatt wie möglich darzustellen. Schon krank, oder? Jedenfalls gehe ich
mit meinen Figuren tatsächlich mit einer gewissen Nachsicht um. Ich wünsche
mir zutiefst, dass sie im Leben klarkommen.
Claire ist Krankenschwester auf der Neugeborenenstation. Warum haben Sie
ihr diesen Beruf gegeben?
Der Beruf hat mich fasziniert. Anderthalb Jahre hat es gedauert, bis ein
Arzt in Créteil bei Paris mir endlich erlaubte, sein Team über zwei Monate
zu beobachten und zu interviewen. Erst dann habe ich bemerkt, wie gut es zu
meinem Thema passte: Dort werden Patienten behandelt, die noch nicht
sprechen können und sehr fragil sind. Manche sind winzig! Und obwohl alle
das Gleiche erleben, reagiert kein Kind auf die gleiche Art und Weise auf
die Situation. So muss das Pflegepersonal seine Vorgehensweise ständig
hinterfragen.
Es gibt also keine Norm.
Genau, und das ergab einen hervorragenden Kontrast zu Claires Privatleben,
in dem sie verzweifelt versucht, sich einer Norm unterzuordnen, ohne auf
ihren eigenen Rhythmus zu hören. Darüber hinaus verlangt der Job Mut und
Zuwendung. Damit wollte ich Claire vor jeglichem moralischen Urteil
schützen, wenn in ihrem Leben das Thema Abtreibung auftaucht, denn das ist
in Frankreich noch ein Tabu.
Das Recht auf Abtreibung wird derzeit von populistischen und
ultrakonservativen Gruppen vermehrt infrage gestellt – aber ein Tabu?
Ich finde schon. In den Fernsehnachrichten habe ich zum Beispiel einen
Bericht gesehen, der mich ziemlich schockiert hat: In einer Sequenz sprach
ein Arzt mit einer Frau, die zum dritten Mal abtreiben wollte. Ihr Gesicht
war unkenntlich gemacht, aber die Kamera hielt erbarmungslos auf ihr weites
Dekolleté. Ehrlich, sie wurde wie das schwachsinnigste Arschloch
vorgeführt. Vielleicht war sie das auch, aber über ihre Entscheidung haben
wir nicht zu urteilen. Der Bericht warf pauschal ein negatives Licht auf
alle Frauen, die diesen Weg gehen. Das finde ich nicht okay.
14 Oct 2017
## AUTOREN
DIR Elise Graton
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