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       # taz.de -- Mit Martinshorn auf „fremdes Staatsgebiet“
       
       > Einsatz Die Polizei war von der Aggressivität des Täters überrascht, der
       > SEK-Einsatz in Nordbayern soll aufgearbeitet werden. Kritik trifft aber
       > vor allem die bayerische Landesregierung und ihren bisherigen Umgang mit
       > den „Reichsbürgern“
       
       MÜNCHEN taz | Dass es einen von ihnen tödlich treffen könnte, war
       unwahrscheinlich. Die vier Polizeibeamten des SEK waren in voller Montur
       gekommen, mit kugelsicherer Weste, Helmen und Schutzschilden, als sie sich
       am frühen Mittwochmorgen Zugang zum Wohnhaus von Wolfgang P. in der
       mittelfränkischen Gemeinde Georgensmünd verschafften.
       
       „Vor dem Einsatz heulte draußen das Martinshorn, um dem Bewohner deutlich
       zu machen, dass es sich um Polizisten, nicht um Einbrecher handelt“, so
       Elke Schönwald, Sprecherin des Polizeipräsidiums Mittelfranken. Doch als
       die vier Beamten noch dabei waren, die Treppe in den ersten Stock zu
       erklimmen, wo sich Wolfgang P. in einem Raum verschanzt hatte, flogen ihnen
       schon die Projektile entgegen.
       
       Der selbsternannte „Reichsbürger“ eröffnete durch die geschlossene Tür
       hindurch das Feuer. Zwei Polizisten erlitten leichte Verletzungen durch
       Glassplitter, einer erhielt einen Durchschuss am Arm. Ihr 32-jähriger
       Kollege aber wurde dreifach getroffen. Ein Geschoss prallte von seinem
       Schutzhelm, ein weiteres von seiner Weste ab, die dritte Kugel aber traf
       ihn unglücklich im schmalen ungeschützten Schulterbereich. Von hier drang
       die Kugel in den Körper ein und richtete schwere innere Verletzungen an,
       denen der junge Mann in der Nacht auf Donnerstag erlag.
       
       Wie konnte es passieren, dass der Einsatz einer Spezialtruppe in einer
       solchen Tragödie endete? „Gerade weil wir wussten, dass der Mann schwer
       bewaffnet ist, wurde ja eine Sondereinheit geschickt“, so die
       Polizeisprecherin Schönwald. Natürlich werde der Einsatz aufgearbeitet und
       auch nach eventuellen Fehlern gesucht, aber dazu könnten bislang keine
       Auskünfte erteilt werden. Trotzdem scheint die Polizei von der
       Aggressivität des Mannes überrascht worden zu sein. „Es gab vorher
       keinerlei Hinweise, dass der Mann körperlich gewalttätig geworden wäre“,
       gibt Schönwald zu.
       
       Wolfgang P. war dem Landratsamt Roth bereits vor Monaten durch seine
       Verweigerungshaltung aufgefallen. In seiner Gemeinde hatte er sich
       abgemeldet, blieb aber dort wohnen. Zudem zahlte er keine Kfz-Steuer,
       selbst dann nicht, als bei ihm Zollbeamte in Begleitung zweier Polizisten
       auftauchten. Schon im Mai hatten Mitarbeiter des Landratsamts die Waffen
       von Wolfgang P. kontrollieren wollen. Doch der hatte ihnen den Zutritt
       verwehrt. Ein zweiter Besuch im Juli blieb ebenfalls erfolglos.
       
       Anfang August erhielt P. ein Anhörungsschreiben. „Ich bin Reichsbürger“,
       schrieb er zurück. Sprich, mit staatlichen Stellen kooperiert er nicht.
       Anfang September wurde ihm die Zuverlässigkeit abgesprochen. Er erhielt
       einen Bescheid, der seinen Jagdschein und seine Waffenbesitzkarte als
       ungültig erklärte, verbunden mit einer Frist, seine Waffen abzugeben. Als
       Wolfgang P. diese nicht einhielt, bat das Landratsamt Roth das Amtsgericht
       Schwabach um Amtshilfe. Das erteilte Ende September einen Durchsuchungs-
       und Sicherstellungsbeschluss: Wolfgang P. sollten per Polizeigewalt seine
       31 Schusswaffen entzogen werden.
       
       Nun endete dieser Einsatz mit einem Mord. Der Täter Wolfgang P. wurde am
       Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt. Der Tatvorwurf lautet auf
       vollendeten Mord mit versuchtem Mord und gefährlicher Körperverletzung. Der
       Angeklagte machte dazu bislang keine Angaben.
       
       Am Mittwoch, wenige Stunden nach dem Drama in Georgensgmünd, fand im
       bayerischen Landtag eine Anhörung statt. Experten und Opposition warfen der
       Regierung vor, seit Jahren bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus viel zu
       sehr auf den Verfassungsschutz und repressive Strategien gesetzt zu haben.
       „Wir brauchen die frühe Verhinderung von Radikalisierung durch
       zivilgesellschaftliches Engagement“, so die Grüne Katharina Schulze.
       
       Ein weiterer Aspekt ist ihr wichtig: „Die Mitarbeiter in staatlichen
       Stellen wie eben in Landratsämtern oder bei Polizeiinspektionen brauchen
       mehr Unterstützung und Informationen für den Umgang mit diesen
       Extremisten.“ Schließlich suchten die „Reichsbürger“ am ehesten mit diesen
       die Konflikte. margarete moulin
       
       21 Oct 2016
       
       ## AUTOREN
       
   DIR margarete moulin
       
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