# taz.de -- Das Leben nach dem Tod
> Champions League Atlético Madrid, heute Gegner der Bayern, arbeitet sich
> noch immer an der Finalpleite vom Mai ab. Trainer-Guru Simeone führt das
> Team wie eine Sekte
IMG Bild: Musterschüler des Trainers: Antoine Griezmann arbeitet für das große Ziel, den Champions-League-Pokal
aus madrid Florian Haupt
Wer Diego Simeone im Mai nach dem verlorenen Champions-League-Drama gegen
Real Madrid erlebte, wird diese Minuten wohl nie vergessen. Im Weltfußball
kann es selten düsterer zugegangen sein. Gewohnt schwarz gekleidet, erging
sich der Trainerguru von Atlético Madrid in finsteren Analysen und
Andeutungen über einen möglichen Rücktritt. Wollte er neue Spieler
erbetteln? Von seiner ängstlichen Taktik ablenken? Oder war der Schmerz
selbst für diesen hypervirilen Anführer zu groß?
Wohl alles ein bisschen. „Diese Niederlage war für mich wie ein Tod, und
jeder Tod braucht eine Trauerzeit“, sagte Simeone, als er sich Monate
später erklärte – weiterhin im Amt. Vorangegangen war Überzeugungsarbeit im
Hintergrund, eine Reise der Klubchefs in seine argentinische Heimat und
nicht zuletzt die Ankündigung, ihn nicht aus seinem Vertrag zu entlassen.
Atlético wechselt nach 50 Jahren im charmant-gammeligen Estadio Vicente
Calderón zur nächsten Saison in eine handelsübliche Fünfsternearena am
Stadtrand. Um die Gemeinde ohne Identitätsverlust zu überführen, braucht es
ihren Hohepriester umso mehr. Danach hätte Simeone seine Schuldigkeit
getan, als entsprechende Geste wurde sein Vertrag in einem kuriosen
Prozedere um zwei Jahre verkürzt: er läuft jetzt nur noch bis 2018. Eine
Gehaltserhöhung gab es trotzdem. Neue Spieler auch: Mittelstürmer Kevin
Gameiro (von Sevilla) und Linksaußen Nico Gaitán (Benfica) erhöhen die
Angriffsvarianten der defensiv kaum zu verbessernden Elf.
„Alles ist gut“, beruhigte „El Cholo“, und so kann heute auch Bayern
München kommen, als ideale Zwischenetappe der Traumaverarbeitung. Die
Deutschen bringen ja positive Erinnerungen, das elektrische Halbfinale der
Vorsaison, das Atlético knapp für sich entschied (1:0, 1:2). Nach dem
Schlusspfiff dankte Simeone damals persönlich den Profis, dass sie seinen
intensiven Arbeitsrhythmus nun schon so lange mitgingen.
Der Trainer – auch daher sein Rücktrittsflirt – mag nach viereinhalb Jahren
eine gewisse Abnutzung seiner Methoden befürchten: Doch die Spieler
scheinen gar nicht genug von ihm kriegen zu können. Antoine Griezmann, der
EM-Torschützenkönig und Deutschland-Schreck, koppelte gar seinen Verbleib
an den Simeones. „Ich hatte Angst, dass er gehen würde“, berichtete der
Angreifer über die Unsicherheit des Frühsommers. Also griff er zum
Telefonhörer, gegenseitig versicherte man sich die Treue, Simeone war
gerührt und Griezmann verlängerte seinen Vertrag. Spieler wie er spüren,
dass sich bei Atlético ein seltenes Gesamtkunstwerk zusammengefügt hat, das
ihnen die Chancen auf maximale Entfaltung und große Titel gibt. Dafür
verzichten viele auch auf bessere Verträge bei reicheren Rivalen. „Simeone
schafft es, an seiner Seite nicht nur einfache Fußballer zu haben, sondern
echte Soldaten, die für ihn in den Krieg ziehen würden“, sagt Griezmann.
Der Glaube ist also zurück, und mit ihm diese spezielle Atlético-Mystik.
„Es wird etwas Wichtiges passieren im letzten Jahr des Calderón“, orakelt
der fahle Rechtsverteidiger Juanfran. Letztlich ist Atlético einfach zurück
in seiner Lieblingsrolle des Sisyphos, der alles Leid erduldet und nie
unterzukriegen ist. Wo schon die letzte Saison als Vendetta für das zwei
Jahre zuvor ebenfalls gegen Real verlorene Finale zelebriert wurde,
bedeutet die erneute Tragödie nun einen noch härteren Test – der dafür eine
umso goldenere Apotheose verspricht. „Wenn es für Simeone der Tod war, was
soll ich dann sagen?“, argumentiert Juanfran, der im Mai den entscheidenden
Elfmeter verschoss. „Ich bin überzeugt davon, dass wir mit Simeone noch
die Champions League gewinnen.“
Fürs Erste reicht es in der Liga schon wieder zu Platz drei, zwei Punkte
hinter Tabellenführer Real. Griezmann hat offenbar auch die zweite
Enttäuschung, die des verlorenen EM-Finales, gut überwunden, er führt die
Torschützenliste an. Und zumindest in Heimspielen gegen schwächere Gegner
schickt Simeone neuerdings ein regelrechtes Offensivbataillon mit bis zu
vier Angreifern auf den Platz. „Wir sind eine bessere Mannschaft (als
vorige Saison, d. Red.), ohne jeden Zweifel“, sagte er, nachdem sein Team
vorige Woche beim FC Barcelona ein Remis erstritten hatte, allerdings nach
altbekanntem Drehbuch: grätschen, kontern und zehn Meter zurück, anstatt in
der Schlussphase auf den Sieg zu spielen. Um sich wirklich zu wandeln, sind
Atlético und Simeone dann eben doch viel zu glücklich mit sich.
28 Sep 2016
## AUTOREN
DIR Florian Haupt
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