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       # taz.de -- Met Wulkje en Kluntje
       
       > TRADITION Ostfriesen schlucken 290 Liter Tee pro Jahr. Getrunken wird er
       > nach einem festen Zeremoniell und mit Muße. Früher war so eine Teerunde
       > nicht ungefährlich
       
       VON THOMAS SCHUMACHER
       
       Kaffee und Tee gehören zu zwei verschiedenen Genusswelten. „Nach einer
       Tasse Kaffee geht der Blutdruck rauf und zack, wieder runter. Fertig“, sagt
       Uda von der Nahmer. Beim Tee dagegen gehe es um den Genuss. Die ehemalige
       Leiterin des Kulturbüros in der Ostfriesischen Landschaft liebt Tee. Sie
       atmet Tee.
       
       „Ostfriesen trinken regelmäßig Tee. So dreimal am Tag. Oder viermal. Oder
       fünfmal. Eigentlich trinken wir immer Tee“, pflegt der große ostfriesische
       Reformpädagoge und Schriftsteller Johannes Diekhoff aus Aurich
       „Zugereisten“ den Mythos des Ostfriesentees zu erklären.
       
       Dreimal ist Ostfriesenrecht, dieser Kalauer hat einen
       sicherheitspolitischen Hintergrund. Egal wie Ostfriesen von ihren
       Funktionären beschrieben werden: In echt waren sie intrigant, streitsüchtig
       und auf ihren Vorteil bedacht. Aber Gastfreundschaft war ihnen heilig.
       
       Oder anders: Erst mal abwarten und ein Sökpe (Bier oder Schnaps) trinken
       und ausbaldowern, ob der Gast eine lukrative Beute sein könnte. Solange der
       Gast seinen Becher gefüllt hatte, war er sicher. Dreimal wurde
       nachgegossen. Danach war er Freund oder tot. Man kann davon ausgehen, dass
       Gastfreundschaft in einer Teerunde heute anders gehandhabt wird. Aber
       mindestens drei Tassen Tee sind immer noch Ostfriesenrecht.
       
       „Genuss verlangt Zeit“, sagt Uda von der Nahmer. TeetrinkerInnen begeben
       sich auf eine Reise zu sich selbst. Dazu brauchen sie das Stövche. Das ist
       ein aus Messing geschlagenes Podest mit einem Teelicht. Die Kanne ist
       idealerweise aus weißem, geriffeltem Porzellan, bemalt mit einer zarten
       roten Rose. Die dazu passenden Tässchen sind hauchdünn. Dazu gibt es ein
       Kännchen mit Rohm (Sahne) von frischer Milch und ein Töpfchen mit Kluntjes,
       groben Kandisstücken.
       
       Das Geschirr heißt zwar so, ist aber nicht ostfriesisch. Es kommt
       ursprünglich aus China, dort war Tee schon lange vor Christi Geburt eine
       Allerwelts-Handelsware. Aus Marketinggründen schufen die Chinesen immer
       neue Geschirrmoden. Als der Tee und die aktuelle Geschirrmode im 17.
       Jahrhundert nach Europa kamen, dachten die Ostfriesen, Tee und Geschirr
       gehörten unverbrüchlich als Einheit zusammen.
       
       Zurück zum Hier und Jetzt, zur Teezeremonie: Man legt so viele Kluntjes in
       sein Tässchen wie man möchte (mehr als zwei passen eh nicht rein) und gibt
       den heißen Tee darüber. Ommm, die Meditation beginnt. Wir lauschen auf das
       Knistern des Zuckers. Mit einem feinen Kellchen „legt“ man den Rohm sacht
       über den Tee. Die Sahne explodiert zum Wulkje (Wolke).
       
       Das zierliche Löffelchen neben dem Tässchen beweist nur die Vollständigkeit
       des Services im Haushalt. Nicht damit rühren! Legen Sie das Löffelchen ins
       Tässchen, signalisiert das ihre Unmöglichkeit, weiter Tee in sich
       hineinzuschütten. Zum Tee gibt es trockenes Gebäck – niemals Kuchen oder
       gar Torte.
       
       Da die Teeblätter lose in der Kanne aufgebrüht werden, wird das Getränk mit
       der Zeit immer herber. Mindestens dreimal ist Ostfriesenrecht, die dritte
       Tasse kann schon recht kräftig sein. Trotzdem zündet der Geschmack immer in
       drei Stufen auf der Zunge. Zuerst der fette Milchgeschmack der Sahne, dann
       das Aroma des leicht bitteren Tees, der wiederum vom süßen Schmeicheln des
       Zuckers abgerundet wird.
       
       Wer glaubt, dieses Zeremoniell zu Tages- und Nachtzeiten sei abgefahren,
       dem sei gesagt: Die Sehnsucht, dies so zu zelebrieren, zieht sich durch
       alle Schichten und Altersklassen!
       
       Sollten Sie in einem Café Tee bestellen, bedenken Sie: Auch hinter dem
       Deich ist die Globalisierung angekommen. Selbst in Aurich, Wittmund oder
       Reepsholt könnte Ihnen ein Glas mit Teebeutel und heißem Wasser serviert
       werden. Für echte Friesen ist das Verrat. Vergewissern Sie sich
       vorsichtshalber mit einem Blick durchs Fenster, ob Sie nicht doch in
       England sind!
       
       23 Feb 2013
       
       ## AUTOREN
       
   DIR THOMAS SCHUMACHER
       
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