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       # taz.de -- „Kriminalisierung hilft nur der Gewalt“
       
       > BAD GUYS Ein Gespräch mit dem Autor Don Winslow, der die unvorstellbaren
       > Grausamkeiten im Drogenhandel kennt
       
       INTERVIEW PATRICIA HECHT
       
       taz: Mr. Winslow, Sie leben in San Diego, USA nahe der mexikanischen Grenze
       und haben mit „Tage der Toten“ einen internationalen Bestseller vorgelegt.
       Was war der Anlass für Sie, über den Drogenkrieg zu schreiben? 
       
       Don Winslow: Das Setting ist gewissermaßen vorgegeben, ich lebe darin. Die
       Zeitungen hier sind jeden Tag voll vom „War on Drugs“, unsere Leben sind
       voll davon. Darüber hinaus gab es sogar einen bestimmten Auslöser: Vor etwa
       zehn Jahren wurden 19 Menschen in einer kleinen Stadt in Mexiko umgebracht,
       in der wir immer mal unser Wochenende verbrachten – Frauen und Kinder, ein
       Massaker. Wie kann so etwas passieren? Wie kann irgendetwas zu einem Punkt
       kommen, an dem so etwas möglich ist? Ich fing an zu recherchieren, ohne
       anfangs vorzuhaben, ein Buch darüber zu schreiben. Aber die Beschäftigung
       mit dem Thema wurde bald zu einer Art Obsession.
       
       Wieso wurde schließlich ein Roman daraus und keine journalistische Arbeit? 
       
       Romane können auf eine Art und Weise die Wahrheit erzählen, wie es
       Journalismus nicht kann. Journalistisch wurde viel über den War on Drugs
       geschrieben, großartige Arbeiten. Aber es gab nichts, was das Sein, die
       Seele des Ganzen beschrieb. Schriftsteller haben die Freiheit, in die Köpfe
       der Menschen zu sehen. Ich dachte, das würde es brauchen, um den War on
       Drugs tatsächlich zu beschreiben.
       
       Sie haben für „Tage der Toten“ fast sechs Jahre lang über das Geschäft mit
       den Drogen recherchiert. Konnten Sie mit Drogenbossen sprechen? 
       
       Nicht mit den ganz großen. Aber mit, sagen wir, einigen auf einem mittleren
       Level. Ich fing klein an und hing einfach in den Vierteln herum, in denen
       gedealt wurde, bis die Leute mich kaum noch als Fremdkörper wahrnahmen. So
       konnte ich Kontakte knüpfen.
       
       War das gefährlich? 
       
       Nicht wirklich. Ich bin sehr ehrlich mit meiner Arbeit umgegangen. Meine
       Gesprächspartner waren sich im Klaren darüber, dass es um Fiktion ging,
       nicht um Journalismus. Außerdem haben wir uns an neutralen Orten getroffen.
       Die Leute, die wirklich gefährlich leben, sind die Journalisten in Mexiko
       und Zentralamerika, das wurde leider mehrfach deutlich. Übrigens war es
       schwieriger, Antworten von Polizisten und Regierungsbeamten zu bekommen,
       als von der anderen Seite.
       
       Was machen Drogen mit Ihren Figuren? 
       
       Sie zerstören letztlich jeden. Viele fangen mit dem Dealen an und glauben,
       sie könnten sauber bleiben und mit dem ganzen Blutvergießen nichts zu tun
       haben. Aber das Geschäft holt sie ein. Und irgendwann sehen sich dieselben
       Leute Dinge tun, von denen sie niemals geglaubt hätten, dass sie dazu in
       der Lage wären. Das zerstört ihre Seele. Auf offizieller Seite sieht es
       nicht viel besser aus. Die Cops drehen sich im Kreis. Heute bringen sie
       einen Kartellboss hinter Gitter – na und? Morgen sitzt da ein neuer. Die
       haben nie das Gefühl, ihre Arbeit hätte irgendeinen Sinn. Und noch dazu
       sehen sie die Bad Guys richtig viel Geld machen, das sie selbst niemals
       verdienen werden, und einen Lifestyle führen, den sie selbst niemals haben
       werden. Das demoralisiert und korrumpiert alle.
       
       In Ihrem Roman kommt nur eine einzige handelnde Frau vor, eine Mischung aus
       Hure und Heilige. Welche Rolle spielen Frauen im Drogengeschäft? 
       
       Das Geschäft ist männerdominiert, aber der Einfluss der Frauen wird größer.
       Das ist vor allem deshalb so, weil viele Männer tot sind. An der Spitze
       eines der größten Kartelle in Mexiko steht heute eine Frau – früher waren
       ihre sechs Brüder für das Geschäft zuständig.
       
       Weltgeschichte, wie Sie sie beschreiben, wird an Grenzübergängen, in den
       Hinterzimmern mexikanischer Kneipen oder auf stillgelegten Flughäfen
       gemacht. Hinter fast allen großen politischen Ereignissen und Affären
       stehen in Ihrem Roman Drogengeschäfte. Wie real ist das? 
       
       Wenn man einen Blick zurückwirft in die vergangenen Jahrhunderte, gab es
       immer bestimmte Substanzen, die die Macht hatten, den Lauf der Geschichte
       zu ändern und Politik und Wirtschaft zu beherrschen. Zuerst waren das
       Gewürze, dann war es das Gold, noch immer ist es das Öl. Und in großem
       Umfang sind es Drogen. Der Wert der Drogengeschäfte beträgt allein in
       Nordamerika 39 Milliarden Dollar jährlich – dazu kommt noch mal so viel, um
       das Ganze zu bekämpfen. Diese Summe hat immensen Einfluss auf Wirtschaft
       und Politik.
       
       Inwiefern? 
       
       In der Immobilien- und Baubranche steckt viel Drogengeld. Und manche Städte
       und Dörfer vor allem im nördlichen Kalifornien sind völlig vom
       Marihuanaanbau abhängig. Was die Politik angeht, gibt es vor allem zwei
       Aspekte. Erstens kann ein Geschäft dieser Größenordnung nicht ohne korrupte
       Politiker existieren. Und zweitens: Etwa dieselbe Summe, die mit Drogen
       verdient wird, wird in etwas gesteckt, was ich die Antidrogenindustrie
       nenne. Die Politik muss das schützen und aufrechterhalten. Einer der
       wenigen wachsenden Industriezweige während dieser Krise in den Vereinigten
       Staaten ist der Bau von Gefängnissen. Etwa 70 Prozent der Insassen sitzen
       wegen Vergehen, die mit Drogen zu tun haben oder unter Drogeneinfluss
       begangen wurden. Das ist ein ziemlich trauriger Kommentar.
       
       Setzt denn ein Umdenken über Drogen ein? 
       
       Langsam, aber sicher, ja. Unsere Gesellschaft beginnt in Betracht zu
       ziehen, dass Drogen weniger unter kriminellen als unter gesundheitlichen
       Gesichtspunkten diskutiert werden sollten. Den Leuten fallen sowohl die
       immensen Kosten des War on Drugs auf als auch die Erfolge, die er mit sich
       gebracht hat: keine. Wie ist das denn in Berlin? Bekommen Sie dort Drogen?
       
       Ja, so ziemlich alle. 
       
       So ist das hier auch – und das, Jahrzehnte nachdem Richard Nixon diesen
       Krieg erklärte. Drogen sind heute billiger und mächtiger denn je. Der
       einzige Effekt des War on Drugs ist, dass es die großen Kartelle in Mexiko
       und Kolumbien gibt, die Milliarden machen und keine Grenzen kennen, was die
       Anwendung von Gewalt angeht. Sogar einige Politiker der konservativen
       Rechten geben das zu. Wir müssen den Umgang mit Drogen neu denken. Dazu
       gehört auch, dass wir uns im Klaren darüber sein sollten, dass das größte
       Drogenproblem der USA absolut legale Drogen betrifft: Da geht es um
       Alkohol, Tabak und rezeptpflichtige Tabletten. Illegalität lässt nur die
       Preise in die Höhe schnellen und das Ausmaß der Gewalt wachsen.
       
       Ist eine Welt ohne illegalisierte Drogen vorstellbar? 
       
       Es wird immer einen illegalen Arm von so gut wie jedem Handel geben, vom
       Handel mit Bluejeans auch. Solange es Steuern gibt, werden Menschen
       versuchen, sie zu umgehen. Aber das Ausmaß illegalen Drogenhandels könnte
       extrem reduziert werden. Damit einhergehend würde auch der horrende Level
       der Gewalt verringert, der dem Drogenhandel eigen ist. Momentan machen wir
       aus Psychopathen Milliardäre – weil in einer Welt, in der Gewalt regiert,
       der Gewalttätigste gewinnt.
       
       Was wären die ersten Schritte zu einer Alternative? 
       
       Auf manche Fragen gibt es keine guten Antworten, nur weniger schlechte.
       Wenn ich König wäre, würde ich sofort Marihuana legalisieren. Danach
       sollten andere Drogen entkriminalisiert werden, sowohl der Handel als auch
       der Konsum. Das Katz-und-Maus-Spiel müsste aufhören, und die Polizei müsste
       sich mit Dingen beschäftigen, die wirklich wichtig sind. Die
       unvorstellbaren Summen von Geld, die frei würden, müssten ins Bildungs- und
       Gesundheitssystem gesteckt werden. Voraussichtlich gäbe es einige negative
       Effekte der Legalisierung. Der Konsum würde wohl zunächst steigen, was
       etwas Panik auslösen würde. Aber ich denke, er würde genauso schnell wieder
       sinken.
       
       Hat es kulturelle Gründe, dass Alkohol legal ist und Marihuana nicht? 
       
       Es hat kulturelle und ökonomische Gründe – und außerdem hat es mit Herkunft
       und Hautfarbe zu tun. Wenn Sie genug Wodka verkaufen und dann einer Partei
       Geld spenden, werden Sie ins Weiße Haus eingeladen. Das passiert Ihnen
       bestimmt nicht, wenn Sie mit Marihuana dealen. Das weiße
       Mittelklasseamerika hat Alkohol immer befürwortet, deshalb wird er
       protegiert. Bei anderen Drogen wie Marihuana oder Kokain ist das nicht der
       Fall. Die Drogen, um die es im War on Drugs geht, sind Drogen, die häufig
       von Schwarzen konsumiert und verkauft werden.
       
       Sie beschreiben fast unvorstellbare Grausamkeiten, die im Namen von Drogen
       begangen werden. Wie stehen Sie selbst zum Konsum bewusstseinserweiternder
       Drogen? 
       
       Ich mag sie schlicht und einfach nicht. Ich hasse den Effekt, den sie auf
       Innenstädte, auf Straßenzüge, auf Familien haben. Ich trinke nicht mal. Ich
       bin einigermaßen süchtig nach Koffein, und das war’s. Trotzdem bin ich der
       Meinung, dass Drogen entkriminalisiert und legalisiert werden sollten. Wir
       als Gesellschaft haben das Recht, uns mit den Folgen zu beschäftigen, die
       der Konsum haben könnte. Aber keine Regierung hat das Recht, erwachsenen
       Menschen vorzuschreiben, was er oder sie raucht oder schnupft oder drückt.
       
       Hat Sie Ihr Wissen um Drogen verändert? 
       
       Auf jeden Fall. Meine Recherchen zum War on Drugs haben meine Sicht auf die
       Dinge auf sehr traurige und beängstigende Weise verändert. Die Erkenntnis
       etwa, wie eng das Zusammenspiel von Politik, Geheimdiensten und Drogen ist.
       Das ist ja schon historisch, bereits während der Prohibition haben korrupte
       Politiker mit der Mafia kollaboriert, die riesige Mengen Geld mit dem
       Verkauf von illegalem Alkohol gemacht hat. Man findet in der
       US-amerikanischen Geschichte kaum einen Politiker mit Einfluss, der eine
       weiße Weste hat. Die Recherchen haben mich skeptischer, zynischer werden
       lassen.
       
       31 Dec 2011
       
       ## AUTOREN
       
   DIR PATRICIA HECHT
       
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