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       # taz.de -- das wird: „Ein Ort, an dem wir alle Gefühle erfahren“
       
       > Bei der langen Nacht des Friedhofs in Mölln gibt’s nix zu gruseln
       
       Interview Benno Schirrmeister
       
       taz: Pastorin Lage, was suchen Sie das Leben bei den Toten? 
       
       Hilke Lage: Weil der Friedhof aus meiner Sicht ein Ort des Lebens ist, an
       dem wir alle existenziellen Gefühle erfahren – natürlich Trauer, aber auch
       Liebe und Geborgenheit.
       
       Und deswegen brechen Sie mit der traditionellen Sepulkralkultur, die den
       Friedhof für trübsinnige Innerlichkeit reserviert? 
       
       Das sehe ich anders. Es ist ja bereits die fünfte Lange Nacht des
       Friedhofs, die wir veranstalten. Und der Friedhof war für unser Team schon
       immer ein Ort der Begegnung. Dieser Charakter ist während der
       Coronapandemie dann noch einmal besonders deutlich geworden. In dieser
       Zeit, wo fast alles sonst verboten war, konnte man hier miteinander
       sprechen, sich unterhalten. Es ist auch nicht verboten, auf dem Friedhof zu
       lachen.
       
       Während andere trauern? 
       
       Natürlich ist es ein Ort der Trauer. Aber für mich als Christin ist es auch
       ein Ort der Hoffnung und der Vorfreude auf ein Leben in Gott und vielleicht
       ein Wiedersehen.
       
       Trotzdem wäre so eine Veranstaltung vor 100 Jahren undenkbar gewesen … 
       
       Es stimmt, wir begegnen heute dem Tod auf andere Art: Er ist damals viel
       deutlicher als Teil des Lebens empfunden worden, es war selbstverständlich,
       dass man seine eigenen Toten selbst gewaschen und die der Nachbarn besucht
       und nach dem Begräbnis einen Leichenschmaus ausgerichtet hat. Diese Rituale
       verschwinden. Es gibt immer häufiger Beisetzungen ganz ohne
       Trauerveranstaltung. Dadurch geht etwas verloren.
       
       Und die Lücke füllt ein Kulturprogramm – oder ist die Lange Nacht eine
       kultische? 
       
       Doch, es ist eine kulturelle Veranstaltung. Es tritt ein Liedermacher auf,
       ein Gospelchor, eine Theatergruppe und der Stadtarchivar verschafft uns
       Einblicke in den Alltag einer Kaufmannsfamilie, die hier begraben ist. Es
       gibt aber auch geistliche Elemente: Man kann an einem Gebet zur Nacht
       teilnehmen und sich segnen lassen.
       
       Literarisch dienen Friedhöfe als Kulisse für Grusel: Haben Sie da auch was
       im Angebot? 
       
       Nein, darauf haben wir bewusst verzichtet. Bei der Langen Nacht hat das
       keinen Platz. Hier geht es ja darum, den Friedhof als einen Ort des Lebens
       ins Bewusstsein zu rücken.
       
       6 Jul 2023
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Benno Schirrmeister
       
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